ZEIT ONLINE: Herr Baumgartner behauptet in seinem Posting, Sie würden sich neidvoll über die Körper der Models beschweren.

Milborn: Ja, aber auf die Idee würde ich gar nicht kommen. Ich hätte auch nie ein Problem mit Nacktheit in der Werbung. Das ist überhaupt nicht der Punkt bei dem Ganzen. Aber diese Ebene hat er eben gewählt, indem er meine Figur thematisierte und meinen angeblichen Neid auf die Körper von Models. Darüber würde ich mich aber überhaupt nie auch nur äußern wollen. Es geht um das Setting und die Darstellung von Frauen.

ZEIT ONLINE: Die Unterwäschefirma spricht von einer "Geschmackssache".

Milborn: Da ist ja auch sicher was dran. Jeder kann die Werbung machen, die er für richtig hält, solange er sich im Rahmen der Gesetze bewegt. Wenn es dann auch noch funktioniert, dann gratuliere ich. Ich verbiete niemandem, die Fotos zu veröffentlichen, die er veröffentlichen will. Aber ich nehme mir heraus, meine Meinung dazu zu sagen. Es gibt eben auch diese Sichtweise und die teilen sehr viele.

ZEIT ONLINE: Was sollte Palmers daraus lernen?

Milborn: Sie sollten sich mit der Kritik auseinandersetzen. Man sollte sich schon die Frage stellen, welches Gefühl löse ich als Unterwäschehersteller bei meinen Kundinnen aus? Ist es etwas, was Selbstbestimmung, Spaß oder Lust am Leben und Stärke vermittelt? Oder vermittle ich ein schlechtes Gefühl. Ich finde, dass meist ein sehr unreflektierter und männlich dominierter Blick auf sehr objektivierte Frauen stattfindet.  

ZEIT ONLINE: Das Management von Herrn Baumgartner hat uns auf Nachfrage gesagt, das Posting sei eine Privatäußerung gewesen. Wie privat kann eine Äußerung vor 1,4 Millionen Follower und dem Rest der Welt denn sein?

Milborn: So etwas wie privat gibt es in sozialen Medien nicht, schon gar nicht bei öffentlichen Personen. Meine erste Äußerung zu dem Foto war ja auch eigentlich privat auf meinem privaten Facebookprofil. Es ist das gute Recht des Managements, sich nicht dazu äußern zu wollen. Wenn sie denken, für diesen Teil von Herrn Baumgartner nicht zuständig zu sein, okay. Letztlich ist diese Ausrede natürlich lächerlich. Die Grenze zwischen privat und öffentlich gibt es auf Facebook nicht.

ZEIT ONLINE: Jetzt suchen Sie in Ihrer Sendung die Diskussion mit ihm. Hat er sich schon gemeldet?

Milborn: Nein, noch nicht. Er scheint untergetaucht zu sein und reagiert auf gar keine Anfragen. Aber ich setze weiter darauf, dass er nicht zu feige ist, sich der Diskussion zu stellen. Er präsentiert sich gerne als sehr mutigen Menschen. Insofern wird er das auch durchdiskutieren können.

ZEIT ONLINE: Denken Sie, angesichts solcher Äußerungen kann er überhaupt sachlich darüber sprechen?

Milborn: Ich habe nicht das Bedürfnis, jemanden bloßzustellen oder das Ganze als Duell darzustellen. Mich interessiert tatsächlich, was ihn bewegt. Er ist mit seiner Sicht ja keinesfalls alleine. Auch er hat sehr viel Zustimmung bekommen. Das ist ein patriarchalisches, gesellschaftliches Phänomen. Ich will wissen, welchen Platz so jemand für Frauen in der Gesellschaft sieht. Mich interessiert auch, ob ihm die Auswirkungen seiner reichweitenstarken Äußerungen bewusst sind. Dass Frauen sich angesichts solcher Angriffe überlegen, überhaupt noch ihre Meinung zu sagen. Frauen und ihre Meinung werden so aus dem öffentlichen Raum verdrängt, weil sie sich vielleicht nicht mit dieser Ebene der Angriffe auseinandersetzen wollen.

ZEIT ONLINE: Ihr Video wurde inzwischen hunderttausendfach angesehen und immer weiter verbreitet. Überrascht Sie das?

Milborn: Sein Posting hat ein paar Tausend Likes, mein Video inzwischen Zehntausende und es wurde fast eine Million Mal angesehen. Das ist schon eine erstaunliche Resonanz. Das hat einen Nerv getroffen, weil viele Frauen und Männer mit den Nachteilen einer solch rückwärtsgewandten Weltsicht jeden Tag konfrontiert sind. Als Fernsehmoderatorin fällt mir das schon gar nicht mehr auf. Da gehört es fast zum Job, dass dein Make-up, deine Haarfarbe, dein zu kurzer oder zu langer Rock thematisiert wird. Aber es passiert anscheinend noch viel viel mehr Menschen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon Unterstützung von Politikern bekommen?

Milborn: Ja von einigen. Der Medienminister Thomas Drozda hat sich zum Beispiel auf Twitter geäußert.

ZEIT ONLINE: Was hat er geschrieben?

Milborn: Besser geht's nicht. Bravo Corinna Milborn!

ZEIT ONLINE: Und was denken Sie jetzt selbst?

Milborn: Ich freue mich sehr, das gemacht zu haben. Gerade weil ich es am Anfang gar nicht wollte. Es war die richtige Entscheidung, dieses Thema anzustoßen.