Zwei Stunden nach der Explosion in der Petersburger U-Bahn mit mindestens elf Toten und 50 Verletzten liegt über dem Platz vor der Station Technologitscheskij Institut eine merkwürdige Ruhe. Der Moskowskij-Prospekt, normalerweise eine der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt, ist nun ein riesiger Parkplatz für Rettungswagen, die Feuerwehr und Polizeibusse. Ein einziges Notstromaggregat reicht aus, um die Geräusche auf dem weitläufigen Platz zu übertönen. Die Sanitäter und Notärzte scheinen ihre Arbeit vor Ort bereits getan zu haben. Dennoch riegeln Polizisten den Platz ringsum ab.

Nur wenige Passanten bleiben stehen, während sich die meisten zu den kostenlosen Bussen durchkämpfen, die in St. Petersburg für heute die Metro als wichtigstes Verkehrsmittel ersetzen sollen. Plötzlich kommt Bewegung auf: Ein Polizeisprecher sammelt die Journalisten um sich. Sein Job besteht darin, ihre Fragen abzuwiegeln. Die Opferzahlen würden gerade noch präzisiert, sagt er. Auch zu weiteren Explosionen könne man derzeit noch keine Informationen geben.

Am Montagabend steht fest, dass die Ermittlungsbehörden ein Verfahren wegen eines Terroranschlags eröffnet haben. Nähere Hintergründe, etwa zu den Tätern, lieferten sie bisher allerdings nicht.

Die Nachrichtenagentur Interfax berichtete allerdings unter Berufung auf eine Quelle in Ermittlerkreisen, dass der mutmaßliche Bombenleger von einer Überwachungskamera gefilmt wurde. Später zeigte der gewöhnlich sensationsheischende Sender Ren TV das Video eines südländischen Mannes mit Bart, schwarzer Kleidung und schwarzer Kappe. Eine offizielle Stellungnahme über die Authentizität des Videos und die Verbindung des Mannes zur Tat gibt es allerdings nicht.

Dass in russischen Medien bereits über einen dschihadistischen Hintergrund spekuliert wird, ist nicht überraschend. In der Vergangenheit haben Islamisten mehrfach Anschläge in Russland verübt. Zuletzt brachte eine Bombe im Oktober 2015 einen russischen Ferienflieger auf dem Rückflug von Ägypten nach St. Petersburg zum Absturz. Damals starben 224 Menschen.

Gerüchte und Verschwörungstheorien

Auch Julia Kargina, die ungläubig über ihren Handyschirm wischt, während sie die Szenerie an der Station betrachtet, dachte sofort an einen Terroranschlag. "Ich hatte mich immer damit beruhigt, dass es uns in Petersburg nicht trifft. Wenn Terroristen irgendetwas hochjagen, dann meist in Moskau oder im Kaukasus", sagt sie.

Wladimir, der das Geschehen ebenfalls vor Ort und am Smartphone verfolgt, ärgert sich über die vielen Spekulationen, die gerade im Netz herumschwirren. "Jetzt lese ich schon zum dritten Mal, dass der Kreml damit von den aktuellen Protesten ablenken will. So ein Quatsch." Zusätzlich angeheizt wurde die Gerüchteküche durch den Besuch Wladimir Putins in St. Petersburg, dieser wollte sich am Montag mit seinem belarussischen Kollegen Alexander Lukaschenko zu Gesprächen treffen.