Sie werden verklagt, im Internet gemobbt oder sexuell belästigt. Häufig werden sie aber auch Opfer von Gewalt. Die Arbeitsbedingungen von Journalisten haben sich in den vergangenen Jahren in Europa erheblich verschlechtert. Das belegt eine Studie des Europarates. Die Folgen sind demnach, dass Journalisten zunehmend unter Angst leiden und zur Selbstzensur neigen.

Für die Studie Journalisten unter Druck: Unerwünschte Einmischung, Angst und Selbstzensur in Europa wurden 940 Journalisten in den 47 Mitgliedstaaten des Europarates und Belarus (Weißrussland) befragt. In der 2016 erhobenen Studie haben knapp die Hälfte der Befragten 16 Jahre oder mehr an Arbeitserfahrung.

Die meisten Angriffe gab es im Südkaukasus

Ein Drittel der Studienteilnehmer gab an, über einen Zeitraum von drei Jahren wegen ihrer Tätigkeit als Journalist physisch attackiert worden zu sein. Das größte Problem ist der Studie zufolge aber psychisch ausgeübte Gewalt. 69 Prozent der Männer und Frauen gaben an, bedroht, eingeschüchtert oder gedemütigt worden zu sein. Zudem sagten 53 Prozent, sie seien im Netz gemobbt worden.

Von körperlichen Angriffen berichteten am meisten Journalisten im Südkaukasus. Erfahrungen mit angedrohter Gewalt machten hingegen am meisten Journalisten in der Türkei (69 Prozent), gefolgt von denen im  Südkaukasus (66 Prozent). 35 Prozent der Teilnehmer gaben außerdem an, keine Möglichkeit zu haben, sich vor Eingriffen auf ihre Arbeit zu schützen. Vor gezielter Überwachung fühlten sich der Umfrage nach zufolge sogar drei Viertel der Befragten nicht geschützt.

Die größte Gruppe unter den befragten Medienvertretern, die sich einer gezielten Beobachtung ausgesetzt sahen, waren türkischer Herkunft (fast 87 Prozent). Am häufigsten stützten sich die Behörden bei der Verfolgung von Journalisten auf Gesetze gegen Rufschädigung, in der Türkei wurden besonders häufig Antiterrorgesetze herangezogen.

Der Studie zufolge wurden vor allem Männer körperlich angegriffen. Zudem seien sie auch häufiger von der Polizei eingeschüchtert worden als ihre Kolleginnen. Dafür werden Journalistinnen der Erhebung zufolge aber häufiger sexuell belästigt. Die meisten Vorfälle hat es in der Türkei gegeben (18 Prozent).

Kritischer Journalist zu Tode geprügelt

Unter welchen Bedingungen Journalisten arbeiten, zeigt ein Fall aus Russland. Der 73-jährige Reporter Nikolai Andruschtschenko erlag am Mittwoch in einem Krankenhaus in Sankt Petersburg seinen Verletzungen. Der kritische Journalist arbeitete für die Zeitung Nowy Peterburg. Er wurde am 9. März auf dem Weg zu einem Termin von Unbekannten überfallen und zusammengeschlagen. Andruschtschenko schrieb unter anderem über Kriminalität. Der Chefredakteur von Nowy Peterburg wertete den Überfall auf als Angriff auf die Arbeit seiner Zeitung.

Opfer neigen zur Selbstzensur

Die laut der Studie signifikant schlechter gewordenen Arbeitsbedingungen in einigen Ländern wirken sich auch auf die Medienberichterstattung aus. Journalisten, die physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt waren, neigten der Erhebung zufolge häufiger zu Selbstzensur als Journalisten, die keine schlechte Erfahrung gemacht haben. In der Studie gaben 37 Prozent an, dass sich die Vorfälle auf ihren Redaktionsalltag ausgewirkt hätten. Selbstzensur war vor allem unter türkischen Journalisten ein Thema. Ein Drittel der Befragten hat allerdings angegeben, dass gerade die Angriffe sie motiviert hätten, ihre Berichte nicht zu zensieren.