Das vorgetäuschte Flüchtlingsleben des in Untersuchungshaft sitzenden Bundeswehrsoldaten Franco A. soll hauptsächlich in einer Flüchtlingsunterkunft im niederbayerischen Erding stattgefunden haben. Zunächst kam der wegen Betrugs und Terrorverdachts beschuldigte Soldat in Gießen an und wurde im Januar 2016 durch die deutschlandweite Verteilung von Asylbewerbern dem Bundesland Bayern und hier zunächst der Erstaufnahmeeinrichtung Zirndorf zugewiesen. Das teilte eine Sprecherin des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration ZEIT ONLINE mit. "Später wurde er in eine Unterkunft in Erding umverteilt."

Demnach fiel zwar bereits in Zirndorf auf, dass Franco A. kein Arabisch sprach, als er nach seinem Herkunftsland befragt wurde. Der Bundeswehrsoldat hatte aber eine passende Ausrede parat. "Für die mangelnden Arabischkenntnisse gab er an, dass er in einer französischstämmigen Kolonie in Damaskus aufgewachsen sei", sagte die Sprecherin. Franco A. gab sich überdies als christlicher Syrer mit dem Namen David Benjamin aus, wie mehrere Medien berichten.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte der Tageszeitung Die Welt gesagt, dass der Fall ein "makaberer Beleg" dafür sei, "dass seit 2015/2016 zeitweise Asylbewerber ohne ernsthafte Prüfung ihrer Identität anerkannt wurden". Offenbar wurde auch in den bayerischen Einrichtungen selbst nicht genau genug hingesehen. Inwieweit das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) eine Mitschuld trägt, da es für die Anerkennung der Asylersuche zuständig ist, bleibt weiter unklar. Herrmann verlangte vom Bamf als Konsequenz, alle Asylbescheide nachträglich nochmals zu überprüfen.

Über seinen Sprecher hat der für das Bamf zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mitgeteilt, dass es für eine "anlasslose Überprüfung aller Asylbescheide" keine rechtliche Grundlage gebe. Wenn es allerdings Anhaltspunkte gebe, dass Fehler gemacht wurden, würden Entscheidungen ohnehin bereits überprüft.

Die Anhörung des vermeintlichen Bürgerkriegsflüchtlings Franco A. durch das Bamf fand im November 2016 statt. Die Geschichte von ihm reichte offenbar aus, um subsidiären Schutz zu erhalten. "Diese Entscheidung war falsch", sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Freitag. Um herauszufinden wie dieser schwere Fehler passieren konnte, würden das Innenministerium und das Bamf "jeden Stein umdrehen".

Aufwendiges Doppelleben

Noch immer suspekt erscheint zudem die Tatsache, dass Franco A. ein extrem aufwendig organisiertes Doppelleben geheim halten konnte. Die Sprecherin des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration bestätigte ZEIT ONLINE, dass Franco A. als Asylbewerber und später als anerkannter Flüchtling mit subsidiärem Schutzstatus die Unterkunft immer frei verlassen habe können, beispielsweise für Arzttermine, Behördentermine oder Besuche bei Freunden. "Während der Unterbringung verhielt er sich unauffällig und war erreichbar, Behördentermine nahm er wahr", sagte die Sprecherin. "Inwieweit das mit seinen Dienstpflichten als Soldat vereinbar war, kann von uns nicht beurteilt werden."

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie Fanco A. dieses Doppelleben zeitlich stemmen konnte, ohne dass es seinen Kameraden oder Vorgesetzten bei der Bundeswehr auffiel, da er sich unter der Woche für die Behördengänge immer wieder von seinem deutsch-französischen Bataillon 291 in Illkirch in Frankreich entfernt haben muss. Von dort bis nach Erding in Bayern dauert eine Autofahrt mindestens vier Stunden.  

Auch dass Franco A. während seines Einzelkämpfer-Lehrgangs in Hammelburg längere Zeiten abwesend sein konnte, irritiert. Der Lehrgang fordert die Soldaten quasi rund um die Uhr. Das Szenario der Lehrgänge ist stets gleich: Ein Soldat oder eine Gruppe sind in einem fremden Land von ihrer Einheit getrennt worden und müssen alleine klarkommen. Eilmärsche, Hunger, Krankentransporte durch Morast und Gestrüpp, Gefechtsübungen. Auf der Webseite der Bundeswehr heißt es: "Der Lehrgang für Einzelkämpfer in Hammelburg bringt die Teilnehmer an ihre physischen und psychischen Grenzen." Keine Zeit im Grunde für Behördentermine als getarnter Flüchtling in Erding – auch wenn der Ausbildungsort im näher gelegenen Hammelburg in Franken war.

Zu diesem Zeitpunkt könnte Franco A. als angeblicher Flüchtling allerdings längst verschwunden sein. Den Anspruch auf seinen Unterkunftsplatz in Erding hatte er verloren, als er Anfang Januar seinen Schutzstatus bewilligt bekam. Das war die Zeit, in der Franco A. in Wien auftauchte, am Flughafen eine Pistole in einem Putzschacht in einer Toilette versteckte, um sie dort Anfang Februar wieder abzuholen. Die österreichischen Behörden nahmen ihn vorübergehend in Gewahrsam, die deutschen Behörden wurden informiert. Schließlich nahmen Beamte des BKA ihn Ende April fest.