Die ersten Nachrichten sollen sich unter Freunden und Aktivisten über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste verbreitet haben. Nun bestätigt auch die russische Zeitung Nowaja Gaseta, was offenbar seit Tagen in der autonomen Republik Tschetschenien im Süden des Landes vor sich geht. Mehr als 100 Männer sollen von Polizei und Sicherheitskräften festgenommen worden sein. Mindestens drei Männer seien dabei getötet worden, vermutlich sogar mehr, heißt es in dem Bericht der regierungskritischen Zeitung. Sie beruft sich auf Aussagen und Hinweise von Aktivisten sowie auf Quellen aus Behörden, dem Geheimdienst und dem Innenministerium in der Region. Die Männer sollen wegen ihrer "nicht traditionellen sexuellen Orientierung" oder des Verdachts darauf verfolgt worden sein.

Man kann niemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt.
Alwi Karimow, Sprecher des tschetschenischen Machthabers Kadyrow

Unter den Festgenommenen sollen auch zwei bekannte TV-Moderatoren und kirchliche Würdenträger sein. Wo sich die Männer derzeit befinden, sei unklar. Einige sollen aber "aus Mangel an Beweisen" wieder freigelassen worden sein. Sie seien außer Landes geflohen, schreibt die leitende Investigativjournalistin der Nowaja Gaseta, Jelena Milaschina, in ihrem Artikel.

Menschenrechtsverletzungen sind in Tschetschenien häufig. Zwei Jahrzehnte lang führte Russland in der heute autonomen Region gegen muslimische Aufständische Krieg. Bis heute gehen Polizei und Sicherheitskräfte teils brutal gegen Oppositionelle vor. Bislang war die LGBTI-Community, also Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen, davon zumindest nicht in groß angelegten Razzien betroffen. Verfolgt werden sie aber seit Jahren in der muslimisch geprägten Region. Auch von ihren eigenen Familien.

Sie schrecken auch vor Mord nicht zurück

Offizielle Stellen dementierten die Festnahmen. Sie seien auch gar nicht nötig, sagte Alwi Karimow der Nachrichtenagentur Interfax. Der Sprecher des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow sprach von "Lügen" und "Desinformation". Und fügte hinzu: "Man kann niemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt." Sollten solche Leute in Tschetschenien existieren, "müssten sich die Sicherheitsbehörden keine Sorgen um sie machen, denn ihre Verwandten würden sie schon an einen Ort geschickt haben, von dem sie nie wiederkehren könnten."

Seit Langem treiben die lokalen Führer im Nordkaukasus ihre streng traditionellen und religiös motivierten Wertvorstellungen voran. Russlands Präsident Putin lässt sie gewähren; so ist dabei in den vergangenen Jahren auch ein islamistischer Untergrund entstanden. Die LGBTI-Community ist in der Region nur eine von vielen verfolgten Minderheiten.

Auslöser der möglicherweise noch andauernden Razzien könnten Anträge der russischen Aktivistengruppe GayRussia.ru sein. Sie hatte in mehreren Städten im  Nordkaukasus schwul-lesbische Demonstrationen beantragt, die, wie in der Vergangenheit schon üblich, von den Behörden abgelehnt worden waren. Allerdings sollte keine der Veranstaltungen in Tschetschenien stattfinden. 

Wie auch die New York Times berichtet, bereiten die Aktivisten derzeit eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte im französischen Straßburg vor. Darin geht es um Menschen- und Freiheitsrechtsverletzungen gegen die LGBTI-Community. Der Aktivist Nikolai Alexejew hat die Anträge in mehr als 90 Städten koordiniert. Man habe diese Taktik gewählt, um auf die Situation hinzuweisen, statt riskante ungenehmigte Veranstaltungen abzuhalten, sagte er der Nowaja Gaseta.

Sie haben ihn vor die Tür geworfen und gesagt, man möge ihn töten.
Post aus dem sozialen Netzwerk VKontakte, anonymisiert

Nun sei aber in Tschetschenien der Befehl für eine "vorsorgliche Säuberungsaktion" erteilt worden, die auch vor Mord nicht zurückschrecke, heißt es in dem Bericht weiter. Demnach sollen Sicherheitskräfte vor allem über soziale Medien wie etwa den Facebookklon VKontakte Schwule ausfindig gemacht haben. Sie sollen den Männern vorgetäuscht haben, auf der Suche nach Dates und Bekanntschaften zu sein. Meist geschieht dies aber in geschlossenen Chatgruppen. Homo- und bisexuelle Menschen in Tschetschenien würden niemals auf die Idee kommen, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu machen. "Das käme einem Todesurteil gleich", schreibt die Journalistin Milaschina.

Kein Schutz – selbst für die Freigelassenen

Viele in der LGBTI-Community haben nun Angst. Sie löschen derzeit alle Beiträge in sozialen Netzwerken, die auch nur den leisesten Hinweis auf ihre sexuelle Orientierung geben könnten. Online verbreiteten sich auch die ersten Meldungen über die Festnahmen und Verfolgungen schwuler Männer. Die Nowaja Gaseta zitiert aus einem Post, den zuvor Nutzer von VKontakte geteilt haben und den die Journalistin Eva Steinlein für sueddeustche.de übersetzt hat: "Sie haben nicht nur junge Leute getötet, sondern auch erwachsene Männer bis zu 50 Jahren. Unter ihnen sind auch berühmte Persönlichkeiten Tschetscheniens. (...) Der Jüngste ist 16 Jahre alt. Er kommt aus unserem Dorf. In diesen Tagen haben sie ihn völlig zusammengeschlagen hergebracht, er war nur ein Sack voller Knochen. Sie haben ihn vor die Tür geworfen und gesagt, man möge ihn töten. Er soll noch immer nicht ganz bei sich sein."

Im Nordkaukasus werden bis heute noch immer vereinzelt Männer und Frauen getötet, wenn sie durch ihr Verhalten die Familienehre beschmutzt haben sollen. Aus diesem Grund, mutmaßt Jelena Milaschina in ihrem Artikel, dürften selbst die wenigen von den Behörden wieder freigelassenen Männer keinen Schutz finden. Kaum eine Familie dürfte die Verschleppung und Folter zur Anzeige bringen. Zu groß ist die Angst vor den lokalen Machthabern und Behörden. Und schließlich sind sie es, die dieses Mal wohl gezielt gegen Schwule vorgegangen sind.