In Istanbul ist es zu Protesten gegen das Ergebnis des umstrittenen Referendums in der Türkei gekommen. Nach Schätzung von Zeit-ONLINE-Autor Nico Schmolke waren bei zwei Protesten in den beiden Stadtteilen Beşiktaş und Kadıköy insgesamt mehr als 10.000 Menschen auf den Straßen.

Im Stadtteil Beşiktaş riefen sie unter anderem "Dieb, Mörder, Erdoğan". Anwohner lehnten sich aus dem Fenster und klatschten oder schlugen als Zeichen der Solidarität mit dem Protest auf Kochtöpfe.

Auch bei dem Protest im Viertel Kadıköy, auf der asiatischen Seite Istanbuls, demonstrierten Tausende. Augenzeugen berichten von Plakaten, auf denen "Das Nein ist nicht zu Ende, es fängt gerade erst an" geschrieben stand.

Die Gruppe Hayır Beşiktaş (Nein Beşiktaş) hatte in dem Aufruf zur Demonstration geschrieben: "Wir sind hier gegen Betrügereien, Ungerechtigkeiten und gestohlene Stimmen!" Auch in der Hauptstadt Ankara und der westtürkischen Stadt Izmir hatten Regierungskritiker zu Protesten aufgerufen.

Erdoğan verspottete die Demonstranten am Montagabend in einer Ansprache vor dem Präsidentenpalast. "Während das Ergebnis vom 16. April unser Volk zufriedengestellt und glücklich gemacht hat, hat es andere ganz ohne Zweifel enttäuscht", sagte er. "Wie ich sehe, sind die mit den Kochtöpfen und Pfannen wieder aufgetaucht."

In Anlehnung an die niedergeschlagenen Gezi-Proteste vom Sommer 2013 sagte Erdoğan: "Das sind eben Gezi-Leute. Das sind die mit den Töpfen und Pfannen." Auch damals hatten Anwohner ihrem Protest durch das Schlagen auf Kochtöpfe Ausdruck verliehen.

OSZE kritisiert Referendum

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) kritisierte zahlreiche Mängel und ungleiche Bedingungen für Gegner und Befürworter des Referendums. Die späte Änderung der Abstimmungsregeln habe "gegen das Gesetz" verstoßen, zudem seien dadurch wichtige "Schutzvorkehrungen" gegen Wahlbetrug beseitigt worden, kritisierten die Wahlbeobachter des Europarats und der OSZE am Montag in ihrem in Ankara vorgestellten vorläufigen Bericht der OSZE-Mission. 

Bei dem Referendum über eine von Präsident Erdoğan geplante Verfassungsänderung hatte eine Mehrheit der Türken am 16. April mit Ja gestimmt. Die Verfassungsänderung sieht die Einführung eines Präsidialsystems vor, welches dem Präsidenten umfassende Rechte einräumt. Mehr als 51 Prozent der Wähler stimmten mit Ja. Die Wahlbeteiligung lag bei 86 Prozent. Auch die in Deutschland lebenden Türken waren wahlberechtigt. Sie konnten bis zum 9. April abstimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 50 Prozent. Rund 63 Prozent der Deutschtürken stimmten mit Ja.