Am Kopf des Demonstrationszuges läuft Mesut und weist Autos und Motorräder an, in die Seitenstraßen auszuweichen. Im strömenden Regen bewahrt der 27-Jährige eine Ruhe, die nicht so recht zu dem passen will, was hier gerade passiert. Denn erstmals seit den Gezi-Protesten vor vier Jahren könnte in der Türkei eine relevante Bewegung entstehen, die sich dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan entgegenstellt. Und Mesut ist einer der Anführer.

Am Sonntagabend noch sitzt Mesut in der Wahlkampfzentrale von Haziran, der mittlerweile wichtigsten Plattform der türkischen Opposition. Seit den Gezi-Protesten sammeln sich hier verschiedene Organisationen unter einem Dach, jetzt organisierten sie monatelang die Nein-Kampagne gegen die Verfassungsreform. Mesut betreut die sozialen Medien der Plattform und ruft ab und zu neue Infos in den Raum, wo sich mittlerweile Dutzende Aktivisten gesammelt haben, um gemeinsam die Wahlergebnisse zu verfolgen.

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldet relativ schnell, dass das Ja-Lager gewinnen wird. Nach und nach holt das Nein-Lager auf, kommt aber nicht über 49 Prozent hinaus. Mesut und seine Mitstreiter haben schnell den Verdacht: Hier wurde manipuliert. Und sie ahnen, wie wütend die Nein-Wähler sind, die knapp die Hälfte der Gesellschaft ausmachen. Wenn man Erdoğan stoppen will, dann könnte das jetzt die letzte Chance sein. Noch bevor sie selbst Aktionen auf den Straßen starten können, erhält Mesut einen Anruf: "Die Leute versammeln sich an mehreren Häuserecken", sagt ihm ein Freund. Als klar wird, dass die staatliche Wahlkommission das Referendum für gewonnen erklärt, macht sich Mesut auf den Weg nach Kadıköy, wo sich später in der Nacht mehrere Tausend Menschen spontan zu einem Demonstrationszug vereinen.

"Nein! Nein! Überall ist Widerstand!"

Mesut will dieses Momentum ausnutzen. Am Montagmorgen ruft er im Namen der Beşiktaş-Gruppe der Haziran-Oppositionsplattform auf Facebook dazu auf, um 19.30 Uhr zum zentralen Platz von Beşiktaş zu kommen. "Die AKP hat ihren Zenit erreicht", sagt Mesut. "Nur noch 50 Prozent unterstützen Erdoğan, obwohl die AKP sogar eine Koalition mit der MHP einging." Die rechtsextreme Partei MHP hatte auch zu einem Ja im Referendum aufgerufen. "Die Leute hoffen, dass die Wahl auf juristischem Weg angefochten werden kann", sagt Mesut. Wenn die Gerichte die Anfechtung ablehnen, könnte das die Menschen zusätzlich empören. "Es wäre klar: Selbst die angeblich unabhängigen Gerichte folgen blind Erdoğan. Das würde die Leute rasend machen!"

Am Montagabend steht Mesut auf dem zentralen Platz von Beşiktaş, Hunderte Menschen treffen ein. Nach wenigen Minuten setzt sich die Gruppe in Bewegung und läuft durch die vielen steilen Straßen des Viertels auf der europäischen Seite Istanbuls. Mesut ist ganz vorne und bestimmt den Weg des nicht angemeldeten Zuges. Von den Balkonen klopfen wie am Sonntagabend Anwohner mit Pfannen und Töpfen, andere schließen sich der Demonstration an. Schon nach wenigen Minuten wächst die Menge auf einige Tausend Menschen an. "Nein! Nein! Überall ist Widerstand!", rufen sie.

Die Polizei greift nicht mit Gewalt ein

Bis zum Ende bleibt es friedlich. Zeitgleich versammeln sich an zehn Orten Istanbuls und auch in Izmir und Ankara Demonstranten. In Beşiktaş versucht eine kleine Gruppe im Anschluss an die Demonstration, noch zum zentralen Platz in Istanbul, dem Taksim, weiterzuziehen, wird aber von der Polizei gestoppt und dreht um. Ähnliches passiert in Kadıköy, wo die Demonstranten zur Wahlkommission ziehen wollen, aber von der Polizei nicht vorbeigelassen werden.

Mesut erklärt, warum die Polizei bisher nicht mit Gewalt eingreift: "Das ist nach Wahlen immer so. Die Menschen sind noch sehr interessiert an dem, was passiert. Eine Eskalation könnte mehr Solidarität nach sich ziehen. Der Staat will das natürlich verhindern." Doch wenn der Protest nach einer Woche nachlässt, würde die Polizei hart gegen den verbliebenen Kern der Aktionen vorgehen. "Normalerweise geht die Strategie des Staates auf", sagt Mesut. "Diesmal ist es anders. Die Leute fühlen, dass sie beim Referendum gewonnen haben. Das könnte dazu führen, dass die Leute diesmal motivierter sind und nicht in Depressionen verfallen."

"Gezi war die schönste Zeit meines Lebens"

Mesut weiß, wovon er spricht. Er ist seit zehn Jahren Aktivist, seit er 17 Jahre alt ist. Derzeit laufen fünf Verfahren gegen ihn, weil er sich an verschiedenen Protesten beteiligt hat. Ihm ist bewusst, dass er mit seinen Aktionen gegen das Erdoğan-Regime sein Leben in Gefahr bringt. Aber er zeigt keine Angst, er hat sich bewusst dafür entschieden, offen seine Opposition zu zeigen.

"Gezi war die schönste Zeit meines Lebens. Da habe ich erlebt, was ein Leben in Freiheit bedeuten kann. Wir haben uns selbst organisiert, ohne den Staat." Als im letzten Jahr Dutzende Aktivisten bei einem schweren Terroranschlag in Ankara starben, sammelte Mesut Leichen auf. Er versteht nicht, wie man in der Türkei nicht politisch sein kann. "Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, der muss sich engagieren." Mesut arbeitet als Maschinenbauer, doch trotz seiner Müdigkeit am Feierabend geht er auf die Straße.

Für Dienstagabend sind bereits die nächsten Demos angekündigt, neue Städte sollen dazukommen. Der Plan der Aktivisten um Mesut ist, jeden Tag durch die Wohnviertel zu ziehen. Die Menschen in ihren Dreißigern hatten nach der Niederschlagung der Gezi-Proteste ihr Selbstbewusstsein verloren und sich zunehmend ins Private zurückgezogen. Doch hier laufen vor allem 18- bis 25-Jährige, die durch das knappe Ergebnis vom Sonntag neuen Mut geschöpft haben. Wenn die Menschen  jeden Tag laufen können, fröhlich ihre Slogans rufen und Freunde treffen, dann könnte neues Selbstbewusstsein erwachsen, glauben sie. Dann wird sich ihr Protest steigern, wird zu einer Kraft, die Erdoğan gefährlich wird.

Mitarbeit: Tuğba Yalçınkaya, Adrian Bilgin