Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Günther B. hält sich nicht ans Gesetz. Jedes Jahr im Herbst, wenn er seine zwei bis drei Lämmer ein letztes Mal in die Garage führt, geschieht das völlig unbemerkt von den Behörden. Die Tiere haben keine Ohrmarken, sie sind nicht beim Veterinäramt registriert. Sie werden vor der Schlachtung nicht vom Tierarzt auf Krankheitserreger und Seuchen begutachtet. Günther B. hat nie eine Sachkundeprüfung zum Schlachten abgelegt. Und das Fleisch der Tiere bringt er auch nicht zur gesetzlich vorgeschriebenen Fleischbeschau. Was er mit seinen Tieren mache, sagt B., gehe niemanden etwas an.

B., der eigentlich einen anderen Namen hat, ist nicht der Einzige. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald, in dem B. wohnt, hat im Februar einen Kampf gegen nicht registrierte Schaf- und Ziegenbestände und gegen Schwarzschlachtungen eröffnet. Man habe den dringenden Verdacht, dass in beträchtlichem Maße illegal geschlachtet werde, sagte der Sprecher des Landkreises damals. 10.776 Schafe weise das Register für den Landkreis aus, aber es seien nur 322 Schlachtungen gemeldet worden. "Wir fragen uns ernsthaft, wohin die restlichen Tiere verschwinden, zumal nicht Tausende von Schafen lediglich als Streicheltiere gehalten werden."

B. hält keine Streichteltiere. Er züchtet, um zu schlachten. Nicht um die Osterzeit, sondern im November, wenn die Tiere fast ausgewachsen sind. Dann verschwinden seine Tiere, und zwar in B.s Garage, zur Schlachtung. Bei der ersten, sagt er, habe der Nachbar ihm noch geholfen, inzwischen mache er das allein.

Ein Amt kommt mit den Tieren nicht in Berührung. "Ich kenne meine Lämmer vom ersten Tag an, ich sehe sie aufwachsen, ich bin der Einzige, der sie füttert. Und ich esse ihr Fleisch selbst, schon seit Jahren." Und dann sagt er: "Ich hab die Nase voll von den Behörden!"

Dabei gehörte er früher selbst zu den Behörden. Polizist war er und hat Kriminelle gejagt. Einen Widerspruch sieht er nicht, im Gegenteil, er leitet aus seiner Zeit bei der Polizei eine Rechtfertigung für sein Verhalten ab. "Wenn du fünf Mal den gleichen Täter auf frischer Tat festgenommen hast und ihn jedes Mal wieder laufen lassen musst, dann siehst du irgendwann nicht mehr ein, dass du dich selbst mit jedem Mist von den Behörden gängeln lassen musst." Sein Nachbar, sagt B., sehe das auch so. "Er hat mir gesagt, dass ich den Bestand eigentlich melden müsste. Aber auch, dass das hier niemand macht."

"Es ist schwierig"

Der leitende Veterinärdirektor des Landkreises Vorpommern-Greifswald, Holger Vogel, weiß, dass viele Dorfbewohner es nicht so genau nehmen mit den Vorschriften. Vogel lebt selbst in einem dieser Dörfer, er ist dort ehrenamtlicher Bürgermeister und Amtsvorsteher. Er ist vorsichtig damit, das Verhalten zu bewerten. Nicht alle Tierhalter seien einsichtig, sagt er. "Es ist schwierig. Aber wir mussten jetzt etwas unternehmen."

Denn wer Nutztiere nicht bei den Behörden anmeldet, der begeht nicht nur eine Ordnungswidrigkeit oder sogar eine Straftat – er setzt die Allgemeinheit einem Risiko aus. Schafe, Ziegen und alle anderen Tiere können mit Krankheitserregern infiziert sein. Das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, das seinen Sitz ebenfalls im Landkreis Vorpommern-Greifswald hat, warnt aktuell vor einer Ausbreitung der Pockenseuche, einer für Menschen ungefährlichen, aber für Tiere häufig tödlichen Viruserkrankung. "Bislang ist es nur in Osteuropa aufgetreten, aber wir wissen von anderen Seuchenfällen, wie schnell es gehen kann", sagt Vogel. "Ein unvollständiges Tierregister kann dann schnell zum Verhängnis werden." Vor allem, weil manche Krankheitserreger auch Menschen gefährden, die das Fleisch infizierter Tiere essen. Rinder können an BSE erkrankt sein, Schweine an Trichinellen. Und es gibt Dutzende weitere Erreger, die auch Schafe befallen können.

Das Veterinäramt ist eher zufällig auf das Problem gestoßen. Wegen der Vogelgrippe hatte seine Behörde eine Stallpflicht für Geflügel verhängt und deren Einhaltung bei privaten Geflügelhaltern überprüft, sagt Vogel. Bei diesen Kontrollen sind sie auch auf viele nicht angemeldete Nutztiere gestoßen. Vor allem bei den Schafen hätten häufig die Ohrmarken gefehlt.