Im Norden Afghanistans haben die Taliban einen Bezirk in der Nähe der Stadt Kundus erobert. Wie die Polizei berichtet, hätten sich die Sicherheitskräfte nach mehr als 24-stündigen Kämpfen aus Kala-i-Sal zurückgezogen, um weitere zivile und militärische Opfer zu verhindern.

Die Taliban erklärten, dass sie die Polizeizentrale des Bezirks sowie die Residenz des Gouverneurs und alle Checkpoints der Sicherheitskräfte unter ihre Kontrolle gebracht hätten. In den vergangenen eineinhalb Jahren war es der radikalislamischen Miliz zwei Mal gelungen, kurzzeitig das Stadtzentrum von Kundus einzunehmen.

"Unsere Anwesenheit ist dringend erforderlich"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte unterdessen vor einem verfrühten Abzug des ausländischen Militärs aus Afghanistan. Merkel teilte in ihrer wöchentlichen Videobotschaft mit, dass sie es für ausgesprochen wichtig halte, dass der sehr langfristige Einsatz am Hindukusch nicht zu früh beendet werde. "Die Ereignisse, wie wir sie jetzt erleben, zeigen auch, dass unsere Anwesenheit, auch unsere Unterstützung im Sinne der Beratung und im Sinne des Trainings, noch dringend erforderlich ist", sagte die Bundeskanzlerin.

Bis 2013 hatte die Bundeswehr in Kundus ein Feldlager betrieben, in dem zeitweise knapp 2.000 deutsche Soldaten stationiert waren. 18 deutsche Soldaten starben in der Region durch Anschläge und im Gefecht. Seit die Taliban Kundus im Herbst 2015 erstmals belagerten, sind deutsche Soldaten wieder vor Ort, um die afghanischen Kommandeure in deren Lager oberhalb der Stadt zu beraten.

Seit 16 Jahren am Hindukusch

Die Bundeswehr kämpft seit 2001 in Afghanistan. Damals wurde der Einsatz von der rot-grünen Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) beschlossen. Am 28. Februar 2014 wurde das letzte Mandat mit einer Laufzeit von zehn Monaten beschlossen. Momentan sind noch etwa 1.000 deutsche Soldaten als Teil eines Beratungseinsatzes der Nato in Afghanistan.

Aktuell erwägt US-Präsident Donald Trump nach Jahren des Abzugs einen Kurswechsel. Dann würden zwischen 3.000 und 5.000 zusätzliche Soldaten an den Hindukusch entsendet. Aktuell kontrollieren die Regierungstruppen nach US-Schätzungen nur noch 60 Prozent des Landes. Seit Jahresbeginn wurden US-Angaben zufolge mehr als 1.000 afghanische Sicherheitskräfte getötet.