Nach kurzer Zeit Theorien über ein fremdes Land und seiner Bewohner aufzustellen ist so unwiderstehlich wie gefährlich. Die Erfahrungen, die ein ausländischer Gast in einem begrenzten Zeitraum an ein paar Orten sammelt, sind zu gering, um sich wirklich ein Bild von den Deutschen zu machen.

Sicherlich wäre meine Wahrnehmung dieses Landes und seiner Menschen auch ganz anders, wenn ich nicht einige Monate bei ZEIT ONLINE in Berlin verbracht, sondern zum Beispiel in einer Autofabrik in Stuttgart gearbeitet hätte.

Die Erwartungen und Vorurteile, die man mitbringt, spielen natürlich auch eine Rolle. Wenn ich mangelnde Flexibilität von den Deutschen erwarte, werde ich dies in ihrer Bürokratie bestätigt sehen. Sicherlich erleben allerdings Deutsche, die nach Brasilien kommen, unsere Bürokratie auch nicht als Karneval.

André Cabette Fábio arbeitet als Journalist bei der brasilianischen Zeitung "Nexo Jornal" in São Paulo. Der 28-Jährige war bis Ende April als Stipendiat des Internationalen Journalistenprogramms für zwei Monate bei ZEIT ONLINE. © privat

Glücklicherweise schreibe ich über Deutsche, die mit Ausdrücken wie penibel, ordentlich, unflexibel kaum zu beleidigen sind. Ein deutscher Freund hat mir gesagt: "Die Deutschen sind Masochisten, die wollen etwas Schlechtes über sich hören!"

Also versuche ich es. Die folgenden anthropologischen Eindrücke eines Brasilianers von den Deutschen sind jedoch aus den genannten Gründen sehr subjektiv und wahrscheinlich auch nur teilweise richtig. Den deutschen Lesern würde ich deshalb empfehlen: Nehmt sie bitte nicht zu ernst! Und nur dann, wenn sie stimmen.

Effektivität

Produktiv zu sein ist kein Wunsch, sondern ein deutscher Drang, der nicht nur in den Fabriken und Büros herrscht. Termine einzuhalten, pünktlich zu sein und die Arbeit ständig zu verbessern sind Teil der Erziehung, des Studiums, des Berufs und des sozialen Lebens insgesamt.

Jede Straße, jeder Platz kann verschönert werden! Die Busse und Bahnen können noch schneller fahren! Jeder bemüht sich, sein Leben effektiver zu organisieren.

Einmal war ich mit ein paar deutschen Freunden zum  Theater verabredet. Wir waren 20 Minuten zu früh da. Was tun mit der Zeit? Wir liefen etwas ziellos herum, bis ein Mädchen mit milder Stimme vorschlug: "Wir gehen bis zum nächsten Block. Und dann kommen wir langsam zurück". Man konnte die Entspannung in der Luft spüren, als wir endlich einen Plan für die nächsten 15 Minuten hatten.

Dabei sind die Deutschen, wenn man sie fragt, eigentlich gegen eine unvernünftige Besessenheit von Effektivität und Produktivität. Sie protestieren gegen riesige Entwicklungsprojekte wie Stuttgart 21, die die Bahn beschleunigen sollen. Es lohne sich nicht, so viel Geld auszugeben, nur um ein paar Minuten früher ans Ziel zu kommen. Lasst es so sein und nutzt die Zeit für ein Extrasandwich!

Ich frage mich auch, wie viel von dem ganzen äußerst gründlichen deutschen Recyclingsystem von ökologischem Bewusstsein geprägt ist. Und wie viel von dem Drang nach Produktivität.

Regeln

Vor meinem ersten Aufenthalt in Deutschland dachte ich, dass die Deutschen übermäßig Respekt vor Autoritäten und Regeln hätten. Als ich jedoch an der Uni mein Austauschsemester begann, stellte einer der Dozenten seinen Semesterplan und das Bewertungsverfahren vor. Ich war überrascht, als viele meiner Kommilitonen ihm wütend widersprachen. "Prüfung im zweiten Monat und Seminar im dritten, das ist kein vernünftiger Plan. Eher umgekehrt!"

Der Semesterablauf wurde geändert. Ein amerikanischer Freund von mir machte eine ähnliche Erfahrung. Auch er war schockiert.

Regeln können in Deutschland ziemlich ernst genommen werden. Aber das heißt nicht, dass jede Regel immer blind befolgt wird.