ZEIT ONLINE: Unsere Bundeskanzlerin will keine Feministin sein. Ihre Regierung dagegen bezeichnet sich als erste feministische Regierung der Welt. Warum dieses Etikett?

Åsa Regnér: Gleichberechtigung passiert nicht einfach. Sie ist immer das Ergebnis von politischen Entscheidungen. Eine feministische Regierung hat den Zweck, Machtstrukturen infrage zu stellen, Lösungen zu entwickeln und sie durchzusetzen. Wir müssen aktiv sein, Gesetze verabschieden und Geld investieren. Zum Beispiel wollen wir 2018 eine neue Gleichstellungsbehörde einrichten.

ZEIT ONLINE: Manche Maßnahmen brachten viel Spott, zum Beispiel der geschlechtergerechte Winterdienst. Aus Rücksicht vor Frauen, die eher zu Fuß gehen, hatte man erst Bürgersteige und dann Fahrbahnen geräumt. Das stürzte Schweden letzten November ins Schneechaos.

Regnér: Viele fanden, wir würden zu weit gehen, wenn wir sogar beim Umgang mit Schnee an Geschlechterrollen denken. Dabei liegt bei uns sieben Monate Schnee, und es funktioniert. Es gibt in Schweden kein Problem mit Schnee. Der Spott ist meiner Ansicht nach nur ein Mittel, eine ernste Machtfrage lächerlich zu machen. So ist es immer gewesen. Man hat immer über Frauen und ihre Vorschläge zu Gleichberechtigung gelacht.

ZEIT ONLINE: Und Sie, lachen Sie dann zurück?

Regnér: Wir wissen schon, dass man zuerst über uns lacht. Am Ende gehen aber wir, die für Gleichberechtigung kämpfen, als Gewinner heraus. Wenn in einem Land Frauen und Männer gut ausgebildet sind, bezahlte Arbeit haben und beide Elternteile sich um die Kinder kümmern, dann sind das moderne Gesellschaften. Da bekommen Leute – ob Feministen oder nicht – gerne Kinder. Da gibt es Wachstum. Auch die Zahlen sind auf unserer Seite. In Schweden hat die Mehrheit der Frauen ein eigenes Einkommen. Lohnunterschiede existieren, aber sie sind kleiner als in anderen Ländern. Und wenn es um die Repräsentation im Parlament geht, sind wir mit einem Frauenanteil von 44 Prozent sehr gleichberechtigt. Trotzdem gibt es natürlich noch Herausforderungen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel kämpfen Sie gegen sexualisierte Gewalt. Sie haben einen nationalen Aktionsplan entwickelt. Was ist die Idee dahinter?

Regnér: Trotz vieler Maßnahmen, um Frauen zu stärken, haben wir die Zahl der gewaltsamen Übergriffe von Männern gegen Frauen nicht senken können. Sie sind gleich geblieben in den letzten zehn Jahren. Deswegen setzen wir nun auf Prävention. Wir wollen Kinder – Mädchen und Jungen – gezielt sensibilisieren für Themen rund um Beziehungen, Sexualität, Körper und Seele.

ZEIT ONLINE: Was sollen die Jungs lernen?

Regnér: Wir haben verschiedene altersgerechte Programme entwickelt. Im Grunde sollen sie lernen, was eine Beziehung ist, wie sie mit großen Gefühlen umgehen können, dass Gewalt keine Lösung und Gleichberechtigung wichtig ist. Das nützt nicht nur Mädchen, weil sie mehr Macht über ihr Leben bekommen. Die Jungen bekommen dadurch mehr Freiheiten.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich, dass es in einem Land mit so langer Gleichstellungstradition zu sexualisierter Gewalt kommt?

Regnér: Wenn wir uns Täterprofile ansehen, erkennen wir, dass es noch immer Macho-Auffassungen gibt. Es gibt Männer, die meinen, dass Gewalt eine Art sei, um Konflikte zu lösen. Dass sie das Recht haben, der Frau zu sagen, was sie machen soll. Gott sei Dank ist das aber nicht akzeptiert in der breiten Bevölkerung. Aber es gibt diese Gruppe von Männern.