ZEIT ONLINE: In Deutschland regelt das Grundgesetz unser Zusammenleben. Geht es nach Bundesinnenminister Thomas de Maizière, soll nun zusätzlich eine "Leitkultur" definiert werden. Sie begrüßen die Initiative. Warum?

Cemile Giousouf: Erst mal bin ich sehr froh, in einem Land zu leben, wo das Grundgesetz gilt. Aber uns Deutsche machen viele Punkte aus, die nicht in unserem Grundgesetz verankert sind. Das ist beispielsweise das Existenzrecht Israels, aber auch die Tatsache, dass wir ein leistungsorientiertes Land sind. Und dass wir, egal welcher Herkunft wir sind, weiterkommen können, wenn wir uns anstrengen. Außerdem frage ich mich, ob wir uns alle bewusst sind, was das Grundgesetz als gelebtes Buch bedeutet.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel? 

Giousouf: Auf der einen Seite stellen wir uns gegen jede Unterdrückung unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit. Auf der anderen Seite müssen wir uns auch für Religionsfreiheit einsetzen, gerade als Einwanderungsgesellschaft. Wenn Musliminnen das muslimische Kopftuch tragen wollen, dann sollen sie dazu in der Lage sein, ohne diskriminiert zu werden. 

ZEIT ONLINE: Nun ist es doch gerade die Idee des Grundgesetzes, dass man frei leben darf, solange man nicht gegen das Gesetz verstößt. 

Giousouf: Die Leitkultur, wie auch immer sie am Ende aussieht, ist kein Gesetz, da hängen keine Sanktionen dran. Im Kern geht es darum, wie wir zusammenleben wollen, mit Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte. Das steht so nicht im Grundgesetz. Die vielen Kommentare zeigen ja auch, dass es ein großes Bedürfnis gibt, darüber zu reden, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Wichtig ist nur, dass die Debatte nicht "von oben" herab mit erhobenem Zeigefinger geführt wird.

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ZEIT ONLINE: Die Debatte hat aber "von oben" begonnen. Der Innenminister hatte schließlich zwölf Punkte vorgelegt.

Giousouf: In der Vergangenheit haben wir die Leitkultur-Debatte tatsächlich über die Köpfe der Menschen hinweg geführt. Die Thesen von unserem Innenminister sind aber explizit als Einladung formuliert, innerhalb der Gesellschaft weiterzudiskutieren. Er hebt hervor, dass er keine verpflichtende Leitkultur meint.

ZEIT ONLINE: Welche Punkte wünschen Sie sich für eine zeitgemäße Leitkultur-Debatte? 

Giousouf: Wir müssen zum Beispiel klar benennen, dass radikale islamistische Kräfte nicht zu unserem Wertekonsens gehören. Wir können diskutieren, ob die viel zitierte Burka tatsächlich ein großes Sicherheitsproblem in unserem Land ist. Ich sage, dass das nicht der Fall ist. Aber ich finde es richtig, dass wir uns beim Dialog ins Gesicht sehen. Gleichzeitig kann es auch nicht zu unserer Leitkultur gehören, wenn Moscheen und Flüchtlingsheime angegriffen werden und Rechtsextreme Hass und Hetze verbreiten. Die Willkommenskultur, das große Herz, das Deutsche für Geflüchtete zeigen, dass man denen hilft, die in Not sind – das alles ist auch ein Teil deutscher Leitkultur.