1.200 Kilometer, zu Fuß, querfeldein. Der ZEIT-Reporter Henning Sußebach ist einmal durch das ganze Land gelaufen, von der Ostseeküste bis zur Zugspitze – und das möglichst ohne Asphalt zu betreten. Sein Weg führte ihn in entlegene Gebiete abseits der Metropolen, auch abseits urbaner Gewissheiten – und zu Menschen auf dem Land, denen sehr wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Einige dieser Begegnungen erschütterten auch sein journalistisches Selbstverständnis.

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Über seine Erlebnisse hat Sußebach ein Buch geschrieben, es heißt Deutschland ab vom Wege und ist soeben im Rowohlt-Verlag erschienen. Wir veröffentlichen einen leicht überarbeiteten Auszug.

Eine Woche lang war ich nun gelaufen, wieder und wieder hatten Tiefdruckgebiete vom Meer her Regen übers Land geschickt, den Boden getränkt, meine Klamotten durchnässt, meine Füße aufgeweicht, da rissen über den mecklenburgischen Seen die Wolken auf. Plötzlich war Leben im Land, Licht, von allen Seiten kam Bewegung ins Bild. Mähdrescher mit riesigen Heuschreckenkörpern fraßen sich durch die Felder. Am Rande eines Hofes sah ich einer Gruppe Mädchen beim Voltigieren zu; ein Kind stand Kreis um Kreis auf dem Rücken eines Pferdes, stockgerade und stolz, Zirkus ohne Zelt. Wurde es Abend, brachten Väter ihren Söhnen auf abgelegenen Waldwegen Motorradfahren bei.

Ich ging ich durch von der Eiszeit geschliffene Landschaft, eher dünig als hügelig. In Senken lagen kreisrunde Seen, auf einem Steg saßen zwei junge Frauen, Rücken an Rücken. Gern hätte ich beide nach ihren Leben gefragt, aber das hätte bedeutet, sie zu erschrecken. Für sie kam ich aus dem Nichts, ein Fremder, der wie auf der Flucht über die Felder stolperte. Mir wuchs nun ein Bart.

Am Dobbertiner See legte ich einen Tag Pause ein, hielt am Ufer meine Füße in die Sonne, teilte mir ihre Wärme mit einer Blindschleiche im Gras. Dies war Fontane-Land, windstill. Im Wasser spiegelten sich die Türme eines Klosters, trutziger Außenposten der Christianisierung, schon vor Jahrhunderten säkularisiert und von allen folgenden Herrschern in eigener Sache genutzt. Unter den Nazis Unterschlupf für ausgebombte SS-Angehörige, nach Kriegsende Entlausungslager für russische Kriegsgefangene, von 1962 an Heim für geistig Behinderte und psychisch Kranke unter Trägerschaft der Bezirksnervenklinik Schwerin, seit der Wende geführt von einer Diakoniewerk gGmbH.

"Zwei Linden", Dobbertin

Ich lernte, der Legende nach heiße Dobbertin "guter Ort", eine slawische Gründung, dobry, dobre, dobar, dober sagt man auch heute wenig weiter östlich. Und Dobbertin war gut zu mir. Unter den psychisch Kranken im Städtchen fiel ich kaum auf, als ich über diese typisch ostdeutsch sandigen Gehwege lief und von Grünstreifen zu Grünstreifen ins Gasthaus "Zwei Linden" sprang, um nach den Tagen, an denen ich nur Beeren und Obst von Alleebäumen gepflückt hatte, etwas Warmes, Gekochtes, Gegartes zu essen und mir in bierschwerer Runde Gasthofgeschichten anzuhören. Die Männer im Wirtshaus waren Handwerker und Landwirte, die Frauen Lageristinnen und Kassiererinnen in den Discountern an den Rändern der nächstgrößeren Städte: Krakow, Plau und Lübz. Eine junge Mutter, die bei Penny an der Kasse saß, erzählte, sie habe immer eigenes Kleingeld im Kittel, den Säufern fehle andauernd ein Cent, um die Flasche Korn bezahlen zu können, oder sie suchten zu lange mit zittrigen Fingern, da lege sie schnell die fehlende Münze dazu, "sonst gibt das nur Stress". Ein Bauer ließ wissen, er habe soeben seinen "Brotweizen" geerntet, genau mit dem richtigen Proteingehalt, um ihn zum Höchstpreis zu verkaufen. Den kümmerlichen Raps lasse er stehen, er hoffe auf Hagelschlag und eine satte Versicherungssumme.

Am Tresen war ein Rechnen wie an der Börse, die meisten wetteten in diesem Jahr auf Mais, auf "Futtermais" für das Vieh und auf "Energiemais" für Biogasanlagen. So viel hatte ich in der ersten Woche schon gelernt: Das Land, durch das ich lief, war nicht so wild und romantisch, wie es auf den Bildern Caspar David Friedrichs und in den Werbekampagnen der Outdoorausrüster aussah. Es wurde bis auf den letzten Quadratmeter genutzt, es war geglättet und gebügelt – und exaktes Abbild gesellschaftlicher Bedürfnisse, wirtschaftlicher Logik und politischer Entscheidungen. Zum Beispiel der Energiewende. Die war für mich, den Stadtmenschen, mit dem Wechsel des Stromanbieters geschafft. Jetzt, auf dem Land, waren undurchdringliche Maisfelder für mich ähnlich unüberwindbare Hindernisse wie Autobahnen oder Gewerbegebiete. Ich lief durch eine neue Monokultur. Die Ernte würde in spitz zulaufenden Biogas-Meilern zu vergären. Oft hatte ich unterwegs gleich zwei nebeneinander gesehen.
"Wie schöne, straffe Brüste, wa?", fragte einer der Bauern im Gasthaus "Zwei Linden".

Das Weltgeschehen hier draußen

Ich saß in einem Gasthof in der sogenannten Provinz, aber mir war, als liefen genau hier einige Fäden des Weltgeschehens zusammen. Deutschland war Maisland geworden, erst wegen der Massentierhaltung, dann wegen der Energiewende. Seit 1980 hat sich die Anbaufläche von Mais im Land verdreifacht, nach Fukushima bauten sie noch mal mehr an, erklärten die Bauern, das Land sehe komplett anders aus als vor wenigen Jahren.

In Dobbertin lernte ich auch einen jungen Schlachter kennen. Der sagte, seit der Annexion der Krim habe er kaum noch Arbeit. Bevor jener ferne, schon wieder fast vergessene Krieg weit im Osten begann, erzählte der Schlachter, wurden fast alle Schweine, die er in Filets, Koteletts und Nackenstücke zerlegte, nach Russland exportiert. Dann beantwortete Moskau die Sanktionen der EU mit einem Einfuhrstopp von Lebensmitteln. Mit jeder Bombe, die Putin jetzt auch noch auf syrische Städte fallen lasse und jeder Vollversammlung der Vereinten Nationen, die darauf folge, rücke die Arbeitslosigkeit näher an sein Leben, sagte der Schlachter. Der Mann hatte zwei kleine Kinder.

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