Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

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An einem Samstagmorgen, kurz vor neun, macht sich eine Gruppe Männer daran, das Waldschwimmbad Oberscheld ein weiteres Jahr zu retten. Franz Kern, dessen rechte Hand nach einer Operation in einem Verband steckt, verteilt Aufgaben an die fünf älteren Männer um ihn herum: Rasen mähen, Zaun ausbessern, Holzbänke pinseln. Einige Helfer stehen in Blaumännern bereit, andere tragen feste Arbeitsschuhe und Käppis gegen die Frühlingssonne, die so trotzig gegen die Morgenkälte anstrahlt, als wolle sie mitmachen bei diesem ungewöhnlichen Arbeitseinsatz. Viel Zeit ist ja nicht mehr. Bald soll das Schwimmbad öffnen.

Überall in Deutschland machen in diesem Frühjahr wieder die Freibäder auf, die meisten finanziert mit öffentlichem Geld. Im Fall des Oberschelder Waldschwimmbades ist die Saisoneröffnung an diesem Samstag keine Selbstverständlichkeit. Eigentlich ist sie sogar ein Wunder. Eines, das sich jedes Jahr im Mai in dem Dorf im waldigen Irrscheldetal ereignet, dort wo das ländliche Hessen fast an Nordrhein-Westfalen stößt.

Vor rund zwölf Jahren schien die Geschichte des Waldschwimmbads zu Ende zu sein. Damals war die Anlage dem Verfall überlassen: das Becken undicht, die Technik veraltet. In den toten Winkeln der Umkleiden konnte man auf dem nackten Beton die Spinnen zählen. Und weil die Stadt Dillenburg, zu der die 2000-Einwohner-Gemeinde Oberscheld gehört, überschuldet war, wollte sie das Freibad, das in den sechziger Jahren gebaut worden war, schließen. Keine ungewöhnliche Idee: Ungefähr 6.700 öffentliche Bäder werden in Deutschland noch betrieben, etwa 1.500 haben laut einer Statistik der DLRG zwischen 2007 und 2015 zugemacht.

Doch in Oberscheld kam es anders. Jemand nahm die Sache in die Hand. Wütende Bürger taten sich zusammen und gründeten einen Verein. Zu ihrem Vorsitzenden wählten sie Franz Kern.

Kern ist 75 Jahre alt und gelernter Konstrukteur. Er kennt das Schwimmbad seit seiner Kindheit. Damals war Oberscheld noch ein Bergbaustandort, das Stollenwasser floss unbeheizt mit acht Grad ins Schwimmbecken. In den siebziger Jahren wurde die letzte Eisenerzgrube stillgelegt. Wo früher am Ortseingang die Hochofenschlote in den Himmel ragten, stehen heute moderne Fabrikhallen.

Um vom Hochofengelände zum Waldschwimmbad zu gelangen, muss man Oberscheld einmal durchqueren. Wie eine kahle Schneise zieht sich die Hauptstraße durch die Ortsmitte, vorbei an der Fachwerkkirche und dem Kriegerdenkmal. Hinter dem Reitplatz biegt ein schmaler Weg ab in einen Wiesengrund. An dessen Ende liegt, gleich am Waldrand, das Schwimmbad.

Der Vereinsvorsitzende Franz Kern gibt dem ehrenamtlichen Helfer auf dem Mähtraktor Anweisungen. © © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Der Wasserzulauf aus dem Stollen ist geblieben. Die leicht abschüssige Liegewiese auch. Ansonsten ist alles neu. Am Kopfende der 25-Meter-Bahn stehen jetzt zwei neue Sprungtürme. Es gibt eine Rutsche, die zwar kurz ist, dafür aber über drei parallele Rutschbahnen verfügt. Ein Kleinkindbecken mit Wassersprudlern, ein Klettergerüst und ein Beachvolleyballfeld, gekachelte Umkleiden und eine Solarheizung für das Badewasser.

Wenn Franz Kern über das Gelände des Schwimmbads läuft, bleibt er oft stehen und erzählt eine Anekdote. Es sind immer Varianten einer Geschichte: Wie der Verein, nachdem er sich gegründet hatte, Spendenaktionen erdachte, die den kommunalen Haushalt um mehrere Tausend Euro entlasteten. Wie Geldspenden von Bürgern und Firmen die Umbauten finanzierten, wegen der das Schwimmbad heute neu und schön ist. 

Doch nicht nur Cleverness hat das Bad gerettet. Es brauchte mehr.