Laut UN-Kinderhilfswerk Unicef halten sich derzeit etwa 75.000 Flüchtlinge und Migranten in Griechenland, Bulgarien, Ungarn und im Westbalkan auf, ohne zu wissen, wann sie ihre Familien wiedersehen werden. Darunter seien etwa 24.600 Kinder, die sich in diesem "langwierigen Schwebezustand" befänden. Die Unsicherheit könne zu schweren psychischen Störungen führen, warnt das Kinderhilfswerk in einer Mitteilung.

Dabei hätten die Betroffenen ein Recht darauf, zu ihren Familienangehörigen zu gelangen, die auf der Flucht in westeuropäische Länder wie Deutschland oder Schweden vorausgegangen seien, sagte der regionale Unicef-Direktor Afshan Khan. Trotzdem verlaufe der Prozess der Familienzusammenführung "langsam und ergebnisoffen". Manche Mütter und Kinder hätten ihre Ehemänner und Väter seit Monaten oder Jahren nicht gesehen. 

Unicef zufolge sind erwachsene Männer oft die ersten Familienmitglieder, die nach Europa fliehen. Der Rest der Familie komme später nach. Seit den Grenzschließungen im vergangenen Jahr und dem EU-Türkei-Abgekommen würden vermehrt Familienmitglieder in Transitstaaten festgehalten, von wo aus sie einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen müssten. Normalerweise dauere die Bearbeitung eines solchen Antrags zwischen zehn Monaten und zwei Jahren. Zudem hätten einzelne EU-Länder unterschiedliche Regeln.

In Griechenland haben laut Unicef im vergangenen Jahr knapp 5.000 Flüchtlinge einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt. Davon seien etwa 700 von Alleinreisenden oder von Kindern gekommen, die von ihren Familien getrennt seien. Bis zum Jahresende habe nur gut jeder fünfte Antragsteller sein Zielland erreicht. Regionaldirektor Khan forderte von den Staaten mehr Anstrengungen, damit die Familien schneller zusammenkommen können.

Union will Familiennachzug weiter einschränken

In Deutschland hatte der Bundestag Ende Februar vergangenen Jahres das Asylpaket II verabschiedet, das den Familiennachzug für Flüchtlinge einschränkt. Menschen mit subsidiärem Schutz müssen demnach zwei Jahre lang warten, bis sie ihre Familien nachholen dürfen. Als subsidiär schutzberechtigt gelten Personen, die sich nicht auf das Grundrecht auf Asyl berufen können und keinen Schutzstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention haben, aber dennoch nicht zurückgeschickt werden, weil ihnen in der Heimat etwa Folter oder Todesstrafe drohen. Dazu zählen minderjährige Flüchtlinge und Syrer, die erst relativ spät nach Deutschland gelangt sind. Die Union will den Familiennachzug für diese Gruppe im Falle eines Wahlsiegs bei der Bundestagswahl im September weiter einschränken.

Trotz der neuen Regelung hat der Familiennachzug nach Deutschland zugenommen. Insgesamt hatten laut Zahlen der Bundesregierung im April etwa 267.500 syrische Flüchtlinge Anspruch auf Familiennachzug.