Beim letzten Mal, als ich das Wort Gutmenschen gehört habe, waren Radfahrer gemeint. Das war in einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung über die Umgestaltung eines besonders unfallträchtigen Kreisverkehrs, eine Gruppe von Zwischenrufern empörte sich über den Vorschlag, dort Tempo 30 einzuführen.

"Never ever! Gilt das auch für Radfahrer? Für die doch nicht! Das sind doch Gutmenschen!"

Beleidigung ist kein Argument

Die ganze Titelgeschichte zum Thema Gutmenschen lesen Sie in der ZEIT Nr. 21 vom 18.05.2017.

Man sollte einem Zwischenrufer nicht vorhalten, dass er seine Argumentation verkürzt vorträgt. Aber wie man es dreht und wendet: Diese Leute meinten, der Gesamtheit der Fahrradfahrer unerfreuliche Charaktereigenschaften zuschreiben zu können. Ist das eine Diskussion wert?

Ich finde nicht. Das Wort Gutmensch ist ein Kampfbegriff, er dient allein dazu, Anstand und Rücksichtnahme verächtlich zu machen. Radzufahren beispielsweise ist in vieler Hinsicht gut, und weil sich das ernsthaft nicht bestreiten lässt, beschimpft der Fahrradfeind den Radfahrer als Gutmensch. Wer so tut, als sei diese Beleidigung ein Argument, das eine ernsthafte Prüfung erfordert, der kommt dem Gutmenschenverächter weiter entgegen, als der es verdient.

In dieser Woche erscheint eine Titelgeschichte in der ZEIT, die das Für und Wider des Gutmenschentums erörtert. "Warum sie nerven - und man sie doch braucht", so steht es auf Seite 1. Das klingt hübsch ausgewogen, suggeriert aber auch: Gutmenschen gehören nicht zu uns.

Julia Klöckner - "Ich finde den Begriff Gutmensch schwierig" Julia Klöckner hat selbst schon von "Gutmenschen" gesprochen, mag den Ausdruck aber nicht. Warum, beantwortet sie in unserer neuen Serie "Eine Frage der ZEIT”. © Foto: Zeit Online

Wutausbruch ist eine Form von Schuldabwehr

Mir persönlich gefällt das nicht sonderlich. Einerseits gehöre ich nämlich durchaus zur ZEIT, andererseits passe ich auch sehr gut ins Feindbild der Gutmenschenverächter. Ich wohne in einer Ökosiedlung, ich habe kein Auto, ich beziehe Lebensmittel von einem nahe gelegenen Biohof und repariere zusammen mit einigen Nachbarn in unserer gemeinsamen Werkstatt Fahrräder für Flüchtlinge. All das tue ich gerne und betrachte es schon darum nicht als moralische Leistung. Ich habe allerdings auch keine Lust, mich deshalb mit Dreck bewerfen zu lassen.

Im Internet hat ein anonymer Kritiker meines Lebensstils mal über mich behauptet, ich wohnte in einer Siedlung ohne Autos, sei folglich linksradikal und demnach am Wohlergehen anderer nicht interessiert. Über seine Motive muss man nicht lange rätseln. In der Nähe meiner Wohnung ist eine Unterkunft für Flüchtlinge gebaut worden, ich habe mich dafür eingesetzt, Anwohner, die den Bau verhindern wollten, haben mir das übel genommen. Und weil es nicht direkt vorwerfbar ist, Flüchtlinge in der eigenen Nachbarschaft unterbringen zu wollen, musste ich halt linksradikal und empathielos sein.