Auch im Fall der oben erwähnten Fahrradfeinde sind ihre Motive offensichtlich. An dem Kreisverkehr, um den es in der Diskussion ging, werden Fahrradfahrer regelmäßig Opfer von Verkehrsunfällen, die regelmäßig von Autofahrern verursacht werden. Die Zwischenrufer maßten sich an, für die Autofahrer zu sprechen, und lehnten alle Versuche ab, den Kreisel zu entschärfen – ist es weit hergeholt, in dem kollektiven Wutausbruch gegen Andersfahrende eine Form der Schuldabwehr zu sehen?

Dies Grundmuster findet sich anderenorts wieder. Übermotorisierte Autos, Flugreisen, Konsum von Fleisch aus Massentierhaltung – in vieler Hinsicht ist der Lebensstil einer großen Mehrheit ein Hohn für Werte wie Umwelt-, Tier- und Klimaschutz, zu denen sich diese Mehrheit aber gern bekennt, wenn sie nicht gerade ins Auto steigt, am Fleischtresen steht oder am Flugschalter. Wer sich von diesem Lebensstil abwendet, stellt sich außerhalb dieser Solidargemeinschaft von Normverächtern. Und weil es gut begründbar ist, genau das zu tun, muss er ausgegrenzt werden: als Gutmensch.

"Sie Gutmensch!"

Denn auch das gehört zu den Gebrauchsregeln dieser speziellen Beleidigung: Man wirft sie nicht einem Gegenüber ins Gesicht, das würde Rückgrat erfordern und die Bereitschaft, eine Debatte zu führen, die der Gutmenschenverächter scheut. "Sie Gutmensch!" Mal gehört? Eben. Diese besondere Beschimpfung dient allein der Verständigung über Dritte. Sie schließt die Reihen der Normverächter und konstituiert eine Gemeinschaft, die sich einig ist, die Argumente der als Gutmenschen Ausgegrenzten nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Wie bitte, das sei doch sehr ungerecht? Gerne führe man jede Debatte? Aber es sei doch nun einmal unbestreitbar, dass Gutmenschen Idioten seien, ahnungslos, selbstgerecht, überheblich?

Von mir aus kann man darüber sehr gerne streiten, mir liegt nicht im mindesten daran, Ahnungslosigkeit, Selbstgerechtigkeit oder Überheblichkeit zu verteidigen. Nur müsste der Gutmenschenverächter dann Argumente vortragen. Und zu einer Argumentation, die diese Bezeichnung verdient, trägt eine Beleidigung ohne sachlichen Gehalt nichts bei.

Erbärmliche Weinerlichkeit

Besonders erbärmlich an der gängigen Gutmenschenkritik finde ich ihre Weinerlichkeit. Es reicht ihren Vertretern nicht, im Namen einer überwältigenden Mehrheit eine Minderheit verächtlich zu machen, sie tun das auch noch im Gestus der Verfolgten. "Todesstrafe für BWM-Fahrer", gegen diese Art von Hetzjagd behaupten die Gutmenschenverächter sich wehren zu müssen. So erscheinen SUV-Fahren, Flugreisen und Billigfleischkonsum am Ende als mutige Akte des Widerstands. Man muss schon ziemlich verzweifelt sein, um das plausibel zu finden.

Wenn ich missionarische Neigungen hätte, wie wir Gutmenschen sie ja angeblich haben, dann müsste ich diese Chance wohl ergreifen. "Sie müssen so nicht leben", "Es gibt Menschen, die ohne SUV sehr glücklich sind" ... etwas in dieser Art müsste ich wohl sagen.

Ich habe aber keine missionarischen Neigungen. Wer die Rücksichtslosigkeit der eigenen Lebensweise nur erträgt, indem er Anderslebende verächtlich macht, der hat es, finde ich, nicht besser verdient.

Die ganze Titelgeschichte zum Thema Gutmenschen lesen Sie in der ZEIT Nr. 21 vom 18.05.2017. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.