Die Zahl der Todesopfer des Anschlags im Diplomatenviertel der afghanischen Hauptstadt Kabul ist erneut gestiegen. Zunächst gingen die Behörden von mindestens 60 Toten aus, später war von mindestens 90 Todesopfern die Rede. 400 Menschen seien verletzt worden. Unter ihnen sind nach Angaben von Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) auch mehrere Mitarbeiter der deutschen Botschaft.

Der Attentäter hatte einen enormen Sprengsatz in der Nähe der deutschen Botschaft gezündet, die Bombe riss mitten im morgendlichen Berufsverkehr einen Krater in die Straße. Noch in mehreren Kilometern Entfernung gingen Scheiben zu Bruch. Anwohner sagten, sie fühlten sich an ein Erdbeben erinnert. Als Reaktion auf das Attentat sagte die Bundesregierung einen für den Abend geplanten Abschiebeflug nach Afghanistan ab.

Nach Informationen des afghanischen Innenministeriums handelte es sich um ein Selbstmordattentat. Der Sprengsatz soll rund 1.500 Kilo schwer gewesen sein, er gelangte versteckt in einem Wasser-Tanklaster in das eigentlich schwer gesicherte Botschafts- und Regierungsviertel am Sanbak-Platz. Dort gelten erhöhte Schutzvorkehrungen: Straßensperren, massive Betonschutzwände beidseits der Straßen und zahlreiche Polizeiposten sollen Attentäter abwehren. Dass der Täter trotzdem den Sprengsatz zünden konnte, warf Fragen nach den Sicherheitsstandards auf.

Explosion in Kabul

Im Diplomatenviertel von Kabul ist etwa 150 Meter von der deutschen Botschaft entfernt eine Autobombe explodiert.

Die afghanische Regierung befürchtet, dass die Zahl der Opfer noch steigt. Aus den Trümmern wurden immer mehr Leichen geborgen. Zu dem Angriff bekannte sich zunächst niemand. Ende April hatten die islamistischen Taliban ihre Angriffe verstärkt; über Twitter erklärten sie, mit dem Attentat nichts zu tun zu haben. Zuletzt hatte auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" wiederholt Anschläge in Kabul für sich beansprucht.

Schäden meldeten auch die Botschaften Frankreichs, Indiens, Japans, Bulgariens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Der britische Sender BBC teilte mit, einer seiner Fahrer sei bei dem Anschlag getötet worden. Das afghanische Innenministerium rief die Einwohner Kabuls zu Blutspenden für die Verletzten auf.

Merkel: "Wir werden den Kampf gegen Terror gewinnen"

Das Attentat rief weltweit Empörung hervor. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, der Kampf gegen den Terrorismus werde weiter geführt. "Und wir werden ihn gewinnen." Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilte den Anschlag und drückte den Angehörigen eines getöteten Wachmanns der deutschen Botschaft sein Beileid aus.

Einen für den Abend geplanten Abschiebeflug nach Afghanistan sagte die Bundesregierung ab. Zur Begründung hieß es, die Botschaftsmitarbeiter seien wegen des Anschlags nicht verfügbar. Grundsätzlich hält die Bundesregierung an der Rückführung abgelehnter Asylbewerber aus Afghanistan in ihre Heimat fest. Vizeregierungssprecherin Ulrike Demmer sagte, die Sicherheitslage in den afghanischen Provinzen sei "sehr unterschiedlich", und der Kampf gegen die Taliban und den IS konzentriere sich "auf einige der Provinzen".

Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler (SPD), dagegen bekräftigte ihre generelle Ablehnung von Abschiebungen nach Afghanistan. Solange die Lage in Afghanistan so gefährlich sei, seien Abschiebungen "das falsche Signal", sagte Kofler.

Die US-Regierung verwies darauf, dass das Attentat im islamischen Fastenmonat Ramadan verübt wurde. "Das unterstreicht den barbarischen und sinnlosen Charakter dieses Angriffs", erklärte das Weiße Haus. Papst Franziskus verurteilte den "abscheulichen Angriff" in Kabul und übermittelte allen Betroffenen sein "tief empfundenes Beileid".