Vor der libyschen Küste ist ein Flüchtlingsboot untergegangen. Laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks werden mindestens 80 Menschen vermisst. Demnach berichteten Überlebende, dass das Schlauchboot mit 132 Menschen an Bord am Freitag in Libyen ablegte. Nach wenigen Stunden habe es Luft verloren. Ein vorbeifahrendes Handelsschiff habe nur noch 50 Menschen bergen können.

Die Überlebenden wurden den Angaben zufolge am Sonntag auf die italienische Insel Sizilien gebracht. Unter den etwa 80 Vermissten sind demnach auch Frauen und Kinder.

Insgesamt sollen am Wochenende mehr als 200 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sein. Überlebende berichteten den Küstenwachen in Libyen und Italien, dass mehrere Boote gesunken seien. Die Behörden teilten mit, seit Donnerstag seien vor der libyschen Küste insgesamt etwa 7.500 Menschen aus Seenot gerettet worden. In Libyen meldete die Küstenwache unter Berufung auf sieben Überlebende, dass deren mit insgesamt 170 Flüchtlingen überladenes Boot gesunken sei. Nach Angaben des libyschen Roten Halbmonds wurden an der Küste des nordafrikanischen Landes mehrere Leichen angeschwemmt, darunter die eines Kleinkindes.

Seitdem die Balkanroute über Länder wie Griechenland, Bulgarien und Ungarn faktisch geschlossen wurde, versuchen immer mehr Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. 2016 kamen mehr als 180.000 Migranten von Nordafrika nach Italien. Beinahe 90 Prozent von ihnen brachen von Libyen aus auf. Dieses Jahr werden die Zahlen voraussichtlich deutlich ansteigen. Laut UNHCR waren es in den ersten drei Monaten dieses Jahres bereits mehr als 24.000 Menschen.

Libyen will bewaffnete Boote von der EU

Die europäische Grenzschutzagentur Frontex beklagt, dass kriminelle Schleuser die Rettungsmissionen von NGOs und Küstenwachen ausnutzen würden. Je mehr Rettungsschiffe auf dem Mittelmeer aktiv seien, desto mehr Menschen würden von den Schleusern auf die Boote gelassen. Nach UN-Angaben wurden in diesem Jahr bereits 1.150 Menschen auf der Überfahrt von Libyen nach Italien getötet oder gelten als vermisst.

Die Europäische Union will mit Libyen zusammenarbeiten, um die Mittelmeerroute zu schließen. Auf dem Malta-Gipfel Anfang Februar beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU dazu einen Zehnpunkteplan. Unter anderem soll die libysche Küstenwache besser für den Kampf gegen Schleuser ausgebildet werden. In Libyen sollen Flüchtlinge aus Nordafrika künftig in Einrichtungen versorgt werden. Hilfsorganisationen kritisieren diese Pläne. Sie stünden für eine Abschottung Europas, die Organisation Pro Asyl und der Paritätische Wohlfahrtsverband sprachen von einem "Tiefpunkt europäischer Flüchtlingspolitik".

Ende April stellte Libyen Forderungen an die EU. Es sei bereit, beim Grenzschutz zu helfen, benötige aber umfangreiches Material für den Küstenschutz. Unter anderem erbat die libysche Regierung 130 teils bewaffnete Boote von der EU. Neben Funkgeräten und Nachtsichtgeräten schlug Libyen außerdem die Lieferung von 20 Tauchanzügen und 200 schusssicheren Westen vor.