Nach Ansicht vieler junger Europäer ist die Europäische Union keine Wertegemeinschaft, sondern ein Wirtschaftsbündnis – dennoch sind sie mehrheitlich für einen Verbleib ihres Landes in der Union. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie Junges Europa, die die Tui-Stiftung vorgelegt hat. In ihrem Auftrag hatte YouGov insgesamt 6.000 repräsentativ ausgewählte Menschen zwischen 16 und 26 Jahren aus sieben EU-Ländern befragt: Deutschland, Großbritannien, Polen, Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland.


Drei Viertel von ihnen sehen die EU demnach vor allem als Wirtschaftsprojekt – das den Anspruch, für Wohlstand zu sorgen, allerdings nur unzureichend einlöst. Das gilt besonders für junge Spanier, Franzosen und Griechen. Sie beurteilen ihre finanzielle Situation der Studie zufolge eher negativ, wohingegen Deutsche, Briten und Polen ihre Lage überdurchschnittlich positiv einschätzen.

Mit Blick auf die Zukunft befürchten allerdings mehr als die Hälfte aller Befragten, dass ihr Lebensstandard nicht an den ihrer Eltern heranreichen wird. Als Herzensprojekt sehen die jungen Europäer die EU nicht mehr; nur 30 Prozent betrachten sie als ein Bündnis für gemeinsame Werte. Marcus Spittler vom Wissenschaftszentrum Berlin warnt deshalb: "Wenn die EU vorwiegend als wirtschaftliches Projekt gesehen wird, ist es wenig verwunderlich, wenn ihr Zustimmung versagt bleibt, sobald sie das Versprechen auf Wohlstandssicherung nicht mehr einlösen kann."

Mehrheit gegen Austritt aus der EU

Die Mehrheit der befragten jungen Europäer sind dennoch für einen Verbleib in der EU – selbst in Großbritannien. Dort hatten die Jungen auch beim Referendum gegen den Brexit gestimmt. Die jungen Briten sind auch mehrheitlich dagegen, der eigenen Regierung mehr Kompetenzen von der EU zu übertragen; und nur ein Drittel der Befragten ist mit Theresa Mays Kabinett zufrieden. 

Von den befragten Griechen ist allerdings nur eine knappe Mehrheit dafür, EU-Mitglied zu bleiben – vermutlich wegen der von der EU verordneten Sparpolitik. In Spanien, das ebenfalls unter hoher Jugendarbeitslosigkeit leidet, sind die jungen Menschen dagegen viel stärker für den Verbleib in der EU: 73 Prozent von ihnen würden in einem Referendum dafür stimmen, das ist die höchste Zustimmungsrate aller untersuchten Länder.

Auffällig ist, dass die jungen Griechen zwar einerseits gerne mehr Kompetenzen der EU auf ihre Nationalregierung zurückübertragen würden (60 Prozent), andererseits mit ihrer Regierung noch deutlich unzufriedener sind als mit der EU. Nur neun Prozent äußern sich positiv über die Arbeit des Kabinetts von Alexis Tsipras; mit Blick auf die EU ist es immerhin ein Drittel.

Dagegen sind die jungen Deutschen insgesamt am zufriedensten mit der Arbeit ihrer Regierung (53 Prozent Zustimmung für die Bundesregierung) und der EU (61 Prozent). Trotz aller Skepsis ist in allen Ländern die Zufriedenheit mit der EU höher als mit der eigenen Regierung.

EU-Skeptiker pessimistischer und materialistischer

EU-Skeptiker, also jene, die sich für einen Austritt ihres Landes aussprechen, sind mehrheitlich junge Männer mit mittlerer Bildung; ihr Einkommen unterscheidet sich allerdings nicht von dem der EU-Befürworter. Dennoch empfinden EU-Austrittswillige Einwanderung, Globalisierung und Digitalisierung überproportional häufig als Bedrohung. Sie sind außerdem eher materiell eingestellt, blicken pessimistischer in ihre eigene Zukunft und haben eher nationalkonservative Einstellungen.

So betrachten sie die Demokratie deutlich seltener als EU-Befürworter als beste Staatsform und sind mehrheitlich gegen eine Gemeinschaftswährung. Zwar sind sie auch nicht so stark wie EU-Befürworter für eine Gleichstellung homosexueller Menschen. Doch auch von ihnen sagen mehr als zwei Drittel, dass Schwule und Lesben in allen EU-Staaten die gleichen Rechte haben sollten.

Offenheit für Aufnahme von Flüchtlingen

Hier zeigt sich auch, dass der Wert Toleranz für die jungen Befragten in allen Nationen einer der wichtigsten Werte ist (45 Prozent Zustimmung). Doch ihrer Ansicht nach steht die EU deutlich weniger für diesen Wert (24 Prozent). Ähnlich groß ist die Diskrepanz noch bei den Werten Sicherheit und Freiheit. Diese sind 50 bzw. 40 Prozent der Befragten persönlich wichtig, der EU schreiben sie diese Werte allerdings in deutlich geringerem Maße zu. Wenig nachgefragt ist der in der Leitkultur- und Flüchtlingsdebatte vielbeschworene christlich geprägte Wertekanon. Gerade einmal jeder zehnte junge befragte Europäer findet das wichtig.

Neben Toleranz ist für die Befragten auch Solidarität ein wichtiger Wert: Selbst die jungen EU-Skeptiker stimmen zu 55 Prozent dafür, dass die EU-Länder "Flüchtlinge, die aus berechtigten Gründen Asyl suchen", aufnehmen sollten, gleich welcher Hautfarbe oder Religion. Bei den EU-Befürwortern sind das 77 Prozent. Allerdings zeigen sich zwischen den Nationen große Unterschiede. So stimmen nur 43 Prozent der jungen Polen dieser Aussage zu gegenüber 81 Prozent der Spanier. Mit 71 Prozent Zustimmung sind auch die jungen Deutschen deutlich für die Aufnahme von Flüchtlingen.

Dennoch warnen die Autoren der Studie: "Die EU wird nicht als Mitmach-Veranstaltung, sondern als Verwaltungsmoloch betrachtet." In Italien, Polen und Frankreich wird die Demokratie von der Mehrheit auch nicht mehr als die bestmögliche Regierungsform gewertet – das spiegelt das "Anwachsen demokratiekritischer Populismus-Bewegungen" in diesen Ländern wider, heißt es in der Studie. Tatsächlich ist die französische rechtspopulistische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen besonders bei jungen Wählern beliebt. Junge Polen und Italiener wünschen sich sogar die Rückkehr zur Monarchie als bessere Alternative zur Demokratie.