ZEIT ONLINE: Der Germanist Robert Minder schrieb: "Ohne Protestantismus ist weder Leibniz noch Goethe zu verstehen." Sie sagen: Das gilt auch für Rudi Dutschke. 

Wolfgang Kraushaar: Rudi Dutschke wuchs in einer strenggläubigen protestantischen Familie auf. Er wurde als Christ erzogen und hatte das auch entsprechend verinnerlicht. Sein politisches Handeln war die logische Fortsetzung seines Glaubens. 

ZEIT ONLINE: Sein Biograf nannte ihn einen "christlichen Marxisten". Ist das nicht eine Antinomie? 

Kraushaar: Eigentlich ja. Der Marxismus entwickelt seine Grundpositionen ja gerade aus der Überwindung der Religion heraus, "Opium für das Volk" ist nur das bekannteste Diktum der Marx'schen Religionskritik. Und Dutschke wusste das natürlich. Er beschäftigte sich eingehend mit den Schriften von Marx und Engels. Ein Teil seiner Privatbibliothek liegt hier im Archiv unseres Instituts. In den meisten seiner Bücher sind jeweils Hunderte von Passagen mit einem Vierfarben-Kuli markiert. Seine Überzeugung, Christ und Marxist zu sein, ist aus einer tiefen Kenntnis von Theologie und Theorie heraus entstanden. 

ZEIT ONLINE: Wie das? 

Kraushaar: Helmut Gollwitzer, Professor für Evangelische Theologie an der Freien Universität und so etwas wie ein Mentor der Studentenbewegung, sagte bei Dutschkes Beerdigung: "Rudi Dutschke hat die Bergpredigt wörtlich verstanden." Für ihn bestand die Konsequenz aus gelebtem Christentum darin, politisch verantwortungsvoll zu handeln. 

ZEIT ONLINE: Und die Verantwortung sah er im Marxismus? 

Kraushaar: Nicht immer. Als Abiturient hielt er eine Rede in der Lenin-Oberschule in Luckenwalde. Mit dem Argument, dass er nicht auf seine Brüder im Westen schießen wolle, weigerte er sich als einziger, Soldat in der Nationalen Volksarmee zu werden. Wegen dieses Auftrittes durfte er später nicht, wie geplant, in Leipzig studieren. Nur deshalb ging er nach West-Berlin. Er war immer ein SED-Gegner, also ein Gegner des Staatssozialismus wie er in der durch und durch preußisch-autoritär eingestellten DDR praktiziert wurde. 

ZEIT ONLINE: Wie fand er zu seiner Art des protestantisch legitimierten Marxismus

Kraushaar: Bevor er der 68-Revolutionär wurde, war Dutschke Mitglied der Subversiven Aktion, einer Studentengruppe mit Dependancen in München, Berlin und Frankfurt. Mitglieder waren unter anderem Dieter Kunzelmann, der spätere Impresario der Kommune I, sein Freund Bernd Rabehl, der ebenfalls aus der DDR stammte, und Frank Böckelmann, der theoretische Kopf der Münchner Sektion. Im Juli 1966 trafen sich die Subversiven auf einem am Kochelsee gelegenen Anwesen von Lothar Menne. Sie berieten eine Woche lang, wie sie die Gesellschaft – und auch sich selbst – ganz konkret verändern könnten. Das Ergebnis war: Entweder wir werden Guerilleros oder wir werden Kommunarden. Kunzelmann gründete daraufhin mit anderen zusammen die Kommune I. Menne hingegen entschied sich als einziger für die Guerilla – angeblich, um sich dem zu erwartenden Psychoterror Kunzelmanns zu entziehen – und schloss sich der FAR in Guatemala an.

Alexander Kluge - Die Auslöser der 68er-Bewegung Benno Ohnesorgs Tod, Rudi Dutschkes Reden und die Intervention des Philosophen Jürgen Habermas: Der Filmemacher Alexander Kluge zeichnet in dieser Collage nach, wie vor 50 Jahren der studentische Protest aufflammte. © Foto: dctp.tv

"Vollendung des Einzelnen und der Schöpfung"

ZEIT ONLINE: Was hat das denn mit dem Protestantismus zu tun? 

Kraushaar: Sehr viel; denn die Subversive Aktion hatte zuvor ein  "Eschatologisches Programm" veröffentlicht. 

ZEIT ONLINE: Ein lutheranischer Begriff. 

Kraushaar: Dabei ging es um die Lehre von den letzten Dingen. Die Vollendung des Einzelnen und der gesamten Schöpfung. Die Subversiven forderten, dass die Ablehnung der Familie, der gesellschaftlichen Institutionen und des Kapitals – ihre revolutionären Forderungen also – nach einem eschatologischen Grundverständnis von jedem einzelnen in seinem eigenen Leben umgesetzt werden müsse. Und von dieser neuen Elite sollten die revolutionären Überzeugungen in die Masse der Gesellschaft getragen werden. Eine gründliche Revolution der Menschheit könne nur auf der Basis einer Revolutionierung des Einzelnen gelingen. Daher lautete auch im Februar 1968 auf dem Internationalen Vietnam-Kongress in Berlin das Credo: "Revolutioniert die Revolutionäre!"

Der "Neue Mensch"

ZEIT ONLINE: Nicht nur die Gesellschaft ändern, sondern den Menschen selbst? Das klingt nach dem "Neuen Menschen", fast schon totalitär. 

Kraushaar: Diesen totalitären Unterton gab es damals noch nicht, das war reine Emphase. Man kann sich das heute jedenfalls kaum mehr vorstellen. Seit der Staatssozialismus 1989 zerfallen ist, wurde der Linken ein regelrechtes Utopieverbot verhängt. Wer heute von Utopien spricht, macht sich tendenziell verdächtig. Zu Dutschkes Zeit war der "Neue Mensch", als dessen Vorwegnahme viele Che Guevara meinten, eine wünschenswerte Utopie. Die Linke suchte explizit nach Strömungen, die abseits von einem staatsbürokratischen Sozialdemokratismus und einem menschenverachtenden Stalinismus existierten. 

ZEIT ONLINE: Dutschke sah also den "Neuen Menschen" als Ziel, der von einer neuen Avantgarde vorgelebt werden sollte. Sah er sich selbst als Messias dieser Avantgarde?

Die Auferstehung, "die entscheidende Revolution der Weltgeschichte"

Kraushaar: Er neigte zumindest zu einem messianischen Denken. Der wichtigste Philosoph für die 68-Bewegung, Walter Benjamin, hatte so argumentiert: Der Messias könne jederzeit, in jeder Sekunde eintreten, deshalb müsse man sich darauf einstellen. Dutschke übertrug das auf das Politische: Die Revolution könnte jederzeit eintreten, also müsse man auch jederzeit für sie bereit sein. Er sah sich implizit nicht einfach nur als ihr Wegbereiter, sondern als ihr Erfüller. 

ZEIT ONLINE: Ostern 1963 notierte Dutschke in sein Tagebuch: "Jesus ist auferstanden. Damit ist die entscheidende Revolution der Weltgeschichte geschehen." Ein Jahr später fügte er hinzu: "Jesus Christus ist der größte Revolutionär der Welt." Verglich Dutschke sich etwa mit dem Sohn Gottes? 

Kraushaar: Er nahm sich Jesus Christus jedenfalls als Vorbild. Er identifizierte sich mit ihm, niemals aber in der Öffentlichkeit. Er wusste, dass das als anmaßend aufgenommen worden wäre. Im Privaten hat Dutschke aber durchaus das Erbe Christi für sich in Anspruch genommen.

Radikale Subjektivierung von Gewalt

ZEIT ONLINE: Konnte man diese Selbstwahrnehmung in seinen Reden hören? 

Kraushaar: Nicht direkt, aber man spürte zu jeder Zeit seine protestantische Gestimmtheit. Seine berühmteste Rede war die, die er während des Internationalen Vietnamkongresses gehalten hat, am 17. Februar 1968 im Audimax der TU Berlin. Dort rief er den Tausenden seiner Zuhörer entgegen: Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen." Als wären er und die Zuhörenden auch direkte Opfer des Krieges. Diese radikale Subjektivierung von Gewalt ist typisch für einen politisierten Protestantismus. 

ZEIT ONLINE: So ähnlich argumentierte auch die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof.

Die Verweltlichung der Religion

Kraushaar: Genau so. Horst Mahler schilderte später einmal folgende Situation: Als er sich 1970 mit Ulrike Meinhof zusammen – beide waren bereits im Untergrund – in den Fernsehnachrichten Aufnahmen von Angriffen des US-Militärs auf nordvietnamesische Siedlungen anschaue, habe Meinhof unglaublich panisch darauf reagiert und ausgerufen: "Das können die mit mir nicht machen!" Ganz so, als sei sie selbst der Adressat der Bombardierungen gewesen. Mahler bezeichnete ihre Reaktion als den Anfang eines "moralischen Amoklaufs". 

ZEIT ONLINE: Der moralisch unhaltbare Zustand des Vietnamkrieges wurde von Meinhof letztlich also zur Rechtfertigung für Mord, Entführung und Bombenlegen genutzt? 

Kraushaar: Die Überzeugung, damit etwas Richtiges zu tun, reichte jedenfalls. Mehr noch aber kam es ihr darauf an, überhaupt etwas zu tun und nicht untätig herumzusitzen, während in Vietnam Frauen und Kinder ermordet, sowie ganze Landstriche entlaubt und mit Napalm vergiftet wurden.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich das mit Protestantismus, überhaupt, mit christlichem Glauben, vereinen? 

Kraushaar: Luther hatte mit seiner Reformation die Religion ja aus der Kirche hinaus auf die Äcker, die Straßen und in die Familien und damit in den gesamten Alltag getragen. Er verweltlichte die Religion. Und vergeistigte damit zugleich auch den Alltag. Nicht mehr die Kirche allein war für den Glauben entscheidend, sondern man selbst. Der Einzelne wurde ermächtigt, die Instanz des Gewissens geboren. Sowohl Meinhof als auch Dutschke sahen die Änderung der bestehenden Verhältnisse als notwendig und moralisch imperativ an. Mit der Selbstermächtigung durch ihr protestantisches Gewissen fühlten sie sich in gewisser Weise einer Mission verpflichtet. Bei Dutschke war es die Mission durch die Tat, er nannte es "direkte Aktion". Bei Meinhof war es schließlich die Mission mit der Waffe. 

Der Übergang zum Terrorismus

ZEIT ONLINE: Also eine durch den Protestantismus legitimierte Gewalt? 

Kraushaar: Der Religionssoziologe Gerhardt Schmidtchen schreibt: "Ein religiös inhaltsleer gewordener Protestantismus ist das formale Erziehungsgefäß für Ideologen und politische Überzeugungstäter." Die RAF bezeichnete er im selben Zusammenhang als das Ergebnis einer "religiösen Desozialisation". 

ZEIT ONLINE: Sind Dutschke und Meinhof nicht vielleicht nur zwei Einzelfälle? 

Kraushaar: Nein, die Studentenbewegung und deren Fermente sind ohne den Protestantismus überhaupt nicht denkbar. Man kann das auch gut an einem der größten Unterstützer der damaligen Bewegung sehen, Exponenten der Bekennenden Kirche. Teilweise haben prominente Vertreter der Evangelischen Kirche, noch bis tief in die RAF-Zeit, Kontakt mit den Terroristen gehalten. Gustav Heinemann etwa, späterer Bundespräsident, führte einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof, Heinrich Albertz, protestantischer Pfarrer und Bürgermeister von Berlin, begleitete fünf freigepresste Terroristen der Bewegung 2. Juni auf ihrem Flug von Frankfurt nach Aden im Jemen. Vor allem aber Helmut Gollwitzer war einer der großen Mentoren der Studentenbewegung, eng verbunden mit ihr, allerdings niemals unterwürfig, sondern immer selbstbewusst und kritisch. Rudi Dutschke wohnte zeitweise bei ihm. 

ZEIT ONLINE: Wieso unterstützte Gollwitzer die Bewegung so deutlich? 

Kraushaar: Gollwitzer war der Überzeugung, dass die Revolution Gottes bereits begonnen habe. Christen könnten sich unmöglich mit dem Bestehenden abfinden. Sie müssten die radikalste Vorhut gesellschaftlicher Veränderung sein. Gollwitzer – und nicht nur er – fand diese christliche Avantgarde personifiziert in den 68er-Revolutionären.