Berlin-Tempelhof. Der Imam mit der ruhigen Stimme und klaren Aussprache braucht nur ein paar Minuten, bis er die Männer in seinen Bann zieht. Hunderte Muslime sitzen ohne Schuhe in den Gebetsräumen der Şehitlik-Moschee. Es sind nur noch wenige Minuten, bis das Freitagsgebet beginnt. Junge Männer, alte Männer, einige im Schneidersitz, andere auf Knien, alle blicken ehrfürchtig gen Boden, während sie dem Imam zuhören.

Wer in der Şehitlik Cami predigt, der wird auch gehört – ein aufwendiger Kuppelbau gehört zur größten türkischen Moschee in Berlin. Sie wird geflankt von zwei Minaretten, jedes ragt 33 Meter hoch in den Himmel. Was für die AfD ein Alptraum ist, gehört am Columbiadamm 128 längst zum Stadtteil Tempelhof. Vor allem Deutschtürken aus umliegenden Arbeitervierteln wie Neukölln und Kreuzberg suchen die Moschee zum Freitagsgebet auf. Und wenn der Freitag wie an diesem Tag auf den letzten Tag im Fastenmonat Ramadan fällt, wird der Gebetsraum voll. Ein Dutzend Männer sitzt auf Stühlen vor dem Eingang.

Die Demo in Köln spielt in der Predigt keine Rolle

Die Predigt wird erst auf Türkisch, später in einer Kurzversion auch auf Deutsch gehalten. Es geht um Gott, die Welt, den Menschen – und um Afrika. "Dank der Spenden konnten zwei Wasserbrunnen in Uganda gebaut werden", sagt der Imam. Er redet über den Ramadan, den Propheten, die Nächstenliebe, gute und schlechte Eigenschaften des Menschen. Die Moscheebesucher sind in ihren Gedanken eher in Uganda als bei der Diskussion ums Engagement von Muslimen gegen den Terror, die derzeit in der deutschen Öffentlichkeit stattfindet.

Warum kamen nur gut tausend statt der erwarteten 10.000 Muslime am 17. Juni nach Köln? Warum unterstützte unter anderem die Ditib, der größte islamische Dachverband in Deutschland, den Friedensmarsch von Muslimen gegen Terror nicht, als die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und Tarek Mohamad dazu aufriefen?

Diese Fragen hat sich der Mann mit dem hellblauen Hemd, der in der Buchhandlung der Moschee steht, bis vor einigen Sekunden nie gestellt. Jetzt sagt er: "Moment mal: Warum wird so ein Aufstand gemacht, wenn nicht genügend Muslime gegen Terror demonstriert haben? Wir sind doch alle gegen den IS, oder nicht? Und warum wird so etwas ausgerechnet von Muslimen erwartet? Fast alle Opfer von Terroranschlägen sind doch Muslime!" Der Ende 40-jährige Mann will seinen Namen nicht verraten, erzählt aber, dass er sich einen Antiterroraufruf vor allem nach dem jüngsten Anschlag gegen Muslime gewünscht hätte. "Als der Lkw in London in die Menschenmenge vor einer Moschee fuhr, wurde das von Politikern und Medien sofort wieder relativiert. Sobald Muslime die Opfer sind, heißt es, der Täter sei psychisch krank."

Keine Unterstützung von der Ditib

Die Ditib zog beim Kölner Friedensmarsch nicht mit, sonst wären vermutlich deutlich mehr Muslime vor Ort gewesen. Der Dachverband repräsentiert 900 Moscheen in Deutschland (auch die Şehitlik-Moschee) und gilt damit als besonders einflussreich, wenn es um die Mobilisierungskraft von Muslimen geht. Als Grund hatte die Ditib angegeben, Muslime während des Fastenmonats nicht zusätzlich strapazieren zu wollen. Der Verband sagte aber auch, dass muslimische Antiterrordemos zu kurz greifen und am Ende Muslime nur stigmatisieren würden.

Als das Freitagsgebet kurz nach 14 Uhr zu Ende ist, macht Moscheebesucher Murat Elmaz noch ein letztes Erinnerungsfoto von den Minaretten, bevor er zurück in die Heimat fahren will – nach Köln. Der 43-jährige Chemiker kritisiert das Verhalten der Ditib und glaubt, dass der Islam in einer viel zu tiefen Imagekrise stecke, als dass der Verzicht auf eine Aktion wie in Köln gerechtfertigt sein könnte. "Da müssen wir auch mal auf andere Religionen schauen. Vertreter des Christentums schaffen es deutlich besser, das Image ihrer Religion sauber zu halten. Da haben wir Nachholbedarf", sagt er. An der Demo in Köln habe er aber auch nicht teilgenommen – "davon habe ich nichts mitbekommen, sonst hätte ich gerne mitgemacht".

Dass die islamischen Verbände wie Ditib und Millî Görüş der Demo in Köln ferngeblieben sind, überrascht einen anderen, 38-jährigen Moscheebesucher nicht. "Dass Muslime an Ramadan dafür zu schwach seien, ist natürlich quatsch. Es geht hier um Eigeninteressen", sagt er. "Das ist zum Teil aber auch nachvollziehbar." Der bärtige Mann, der nicht namentlich erwähnt werden will, glaubt, dass die Initiatoren selbst schuld an dem Ergebnis sind. "Sie haben sich vorher nicht an einen Tisch mit der Ditib gesetzt. Stattdessen haben sie den Marsch in Köln auf eigene Faust bestimmt, später die Ditib damit unter Zugzwang gestellt. Also hat die Ditib gesagt, macht doch was ihr wollt."

"Wichtig ist, wer uns ruft"

Berlin-Kreuzberg: Am Kottbusser Tor erreicht das geordnete Chaos am späten Freitagnachmittag seinen Höhepunkt: Bus- und Autofahrer hupen sich an, Radler brüllen Passanten an, die zur Seite springen. Der Istanbul Supermarkt, ein beliebter Lebensmittelladen, spuckt Horden von Menschen aus. Die Öko-Hipster vom Kotti landen bei Serdar B. Vier Jahre ist es her, dass der studierte Maschinenbauingenieur aus der Türkei nach Berlin kam. Jetzt presst er Orangen, Granatäpfel, Karotten und Ingwer aus. 300 Kilogramm Früchte bringt B. in dem Saftstand unter. Über die Türkei unterhält sich B. nicht mit jedem, sagt er, wenn aber doch, dann sehr engagiert.

"Wenn in der Türkei bei Anschlägen durch die PKK oder den IS Menschen in den Tod gerissen werden, wird in Deutschland nicht erwartet, dass Demos gegen Terror stattfinden. Solange das der Fall ist, kann ich solche Aktionen nicht ernst nehmen", sagt er. Als B. sich in Rage reden will, muss er sich wieder fangen, weil eine Radlerin eine Flasche "Orange-Karotte-Ingwer" bestellt.  Als sie weg ist, will B. wieder loslegen, doch dann kommt Bülent Esin dazu. "Bruder, hast du bei mir noch etwas anderes als Orange reingemischt?" Serdar B. schüttelt den Kopf: "Nein, alles wie immer." B. sagt: "Viele Türken misstrauen der deutschen Regierung, weil sie den Westen für die Terroranschläge in der Türkei mitverantwortlich machen. Wenn dann Muslime zu einer Demo gerufen werden und nicht einmal die Ditib mitmacht, dann braucht man keinen großen Zulauf türkischer Muslime erwarten."