Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, an denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

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Die grünen Blätter des Baumes am Eingang der Confiserie Reichert haben sich auf seine Schulter gelegt wie ein Arm. Das Grün umspielt Johann Holteis* Kopf, es scheint, als sitze er gleich mit im Topf, so nah steht sein Stuhl an der Pflanze. Wer an dem Café in Berlins altem Zentrum vorbeiläuft, übersieht ihn leicht, diesen schmalen, älteren Herrn, der immer am liebsten ein Stück der Weißen Dame isst, des Buttercremekuchens mit Marzipandecke und einem kleinen Stück Bitterschokolade. 

Um Johann Holtei zu erkennen, muss man vorbei am Schirm der Mütze und vorbei an der spiegelnden Brille, und vor allem muss man seinen Blick erwischen, der senkt sich schnell, bewegt sich fort. Der 60-jährige Berliner merkt gar nicht, wie er sich wegduckt, wie er auf dem Bürgersteig versucht, bloß niemanden zu berühren. Nicht die Eltern mit ihren Kindern auf bunten Laufrädern, nicht die jungen Leute, die meistens Englisch sprechen, und erst recht nicht die Touristengruppen, die die Kunstwerke in der Auguststraße suchen, in der die Architekten ihre großen, lichtdurchfluteten Büros haben. Holtei achtet auf seine Schritte, um nicht aufzufallen.

Dabei würde er so gern genau das. "Manchmal komme ich mir vor, als würden mich die Leute mit Absicht übersehen." Herr Holtei ist allein. Und die Einsamkeit ist ein Hund, der einem überallhin verfolgt. Der manchmal beißt. Und der bleibt, obwohl man ihn immer wieder vor die Tür setzt.


Die Weiße Dame © Carolin Weinkopf für ZEIT ONLINE

Seit 2009 wohnt er hier in der sanierten Mitte Berlins zwischen Nordbahnhof und Rosenthaler Platz, in einer der Querstraßen, deren Fassaden nur noch vereinzelt bröckeln. Diese Straßen sind seine ganze Stadt, er verlässt das Viertel nur im Ausnahmefall. Um die Eltern zu besuchen, die noch im Wedding wohnen. Da, aus dem Wedding wollte er weg, aus der Wohnung der Eltern, in die er immer wieder ziehen musste, weil das Geld fehlte. Er hat nichts erwartet von der neuen Wohnung, die die Caritas ihm besorgte, nichts außer etwas Distanz zu seinem Elternhaus. Was Eigenes, ein Zimmer, Küche, Bad im Hinterhof eines hellen Hauses.

Eine Idylle mit Streuseln

Berlin-Mitte war das Versprechen einer Idylle mit glitzernden Streuseln mitten in der Hauptstadt. Wenige Jahre nach der Wende begannen die ersten Sanierungsarbeiten, nach und nach wurden die Fassaden wieder heller, die Gehwege glatter, die Bodenplatten wichen oft einem ebenen Pflaster. Jene Straßen, die ihr Kopfsteinpflaster behalten durften, nennt man heute romantisch, nur wenn Touristen mit ihren Rollkoffern darüberklackern, stört es dann doch. 

Johann Holtei ist ein später Zugezogener, das ist das Einzige, was er mit den meisten hier gemein hat. Die Caritas hat ihn hier hineingesetzt wie einen Botschafter bundesrepublikanischer Realität. Er schaut sie ja auch alle so gern an, wie sie gegenüber von seinem Haus in der Bergstraße sitzen in einem der Cafés, wie es sie hier jetzt häufig gibt, solche mit den gradlinigen Möbeln aus Holz, Speisekarten auf Englisch und selbst gebranntem Müsli im Einwegglas, das nicht mehr Müsli, sondern Granola heißt. Früher war dort eine Kneipe, im Keller fanden ein paarmal in der Woche Konzerte statt, jetzt sitzt man dort und trinkt Kaffee, aber nur bis 17 Uhr, dann ist Ruhe.

"Ich weiß nicht mehr so richtig, wo ich hin soll"

In Holteis Straße gibt es einen Kiosk, weiter hinten einen großen Spielplatz, die alte Schule gegenüber ist eines der letzten überlebenden DDR-Gebäude ohne Generalüberholung, sie erinnert an die alten Zeiten, ohne Parkplatznot und Glasfassaden, ohne Begrünung der Straße, als noch keine Holzbänke für Mittagspausen vor den Häusern standen, dafür aber die Mauer ein paar Meter weiter, die die Stadt in zwei unterschiedliche Leben trennte.

Herr Holtei hat keine Freunde. Keine Beziehung, nie gehabt. Ein paar One-Night-Stands mit Frauen und Männern, ein, zwei unglückliche Lieben, nichts Langes. Seine längste Beziehung war die zum Alkohol. Die hat alles andere verdrängt. Mit 18 Jahren ging es los, da war er zum ersten Mal arbeitslos. Jetzt, nach dem zweiten Entzug, ist auch diese Beziehung vorbei. Und mit ihr das Vergessen, die Struktur, die Kontakte. In die Kneipe wolle er nicht zurück, das habe er nach dem ersten Entzug probiert, aber die anderen hätten ihn nicht mehr verstanden. Einer habe ihn sogar verprügeln wollen. "Ich weiß nicht mehr so richtig, wo ich hin soll", sagt er. Man könne ja nicht den ganzen Tag Kaffee trinken oder spazieren gehen. Einsamkeit ist die freie Zeit, die sich nicht füllt, egal, was man tut.

"Die müssen immer alle irgendwohin"

Für jene, auf die er schaut, wenn er neben dem kleinen Bäumchen vor der Confiserie Reichert sitzt, ist es das Paradies. Nur sitzen und Filterkaffee ohne Milch schlürfen, auf der anderen Seite das bekannteste der Szenecafés, das The Barn, die Kundschaft wechselt minütlich. "Die müssen immer alle irgendwohin", sagt Herr Holtei. Er muss einmal die Woche zur Ergotherapie wegen seiner Polyneuropathie im linken Bein, die macht die Nerven kaputt, man bekommt Sensibilitätsprobleme und Schmerzen, eine häufige Nebenerscheinung des Alkoholismus. Und dann hat er noch Maltherapie.

Das ist sein liebster Termin von den wenigen, die er hat. "Beim Malen, da kann ich ausdrücken, was ich sonst nicht erklärt bekomme", sagt Herr Holtei, das wusste er schon, bevor er damit angefangen hat. Als man ihm während des Entzugs einen Therapieplatz in Aussicht stellte, kümmerte er sich sofort drum, rief an, da war er hinterher. Nach dem Malen wird über die Bilder gesprochen. Das habe er vorher nicht gekannt, dass man so über sich spricht. "Ich merke, dass man was verändern kann, wenn man reflektiert."