Asim* war noch 17 Jahre alt, als er vor einem Jahr zum ersten Mal mit einem Sozialarbeiter und dem Übersetzer Amin Maqsoodi zu mir in die Therapie kam. Aus Angst vor der Taliban, die auf der Suche nach neuen Kämpfern waren, flüchtete er bereits als knapp 14-Jähriger in den Iran. Dort schlug er sich auf dem Bau und als Näher durch. Mit der Flüchtlingswelle kam er 2015 nach Deutschland.

Der heute 18-jährige Asim ist ein sportlicher Jugendlicher, der sich bei der Begrüßung leicht verbeugt. Er ist höflich und wirkt zurückhaltend. Am Anfang war er wohl auch verunsichert, was ihn in einer Therapie erwartet. Rasch ließ er sich jedoch auf eine Behandlung ein. Zwei Stunden in der Woche kommt er zu mir. Er sagt, sein Kopf fühle sich nach jeder Sitzung für etwa ein bis zwei Stunden freier an, nachdem er über seine Gedanken und Gefühle sprechen konnte. Ihm ist es wichtig, dass Maqsoodi dabei ist. Er sagt: "Ich möchte alles verstehen, was Sie sagen."

Aber vor allem ist es ihm wichtig, sich selbst ausdrücken zu können, denn: "für vieles, was ich erlebe und erlebt habe, fällt es mir schon in Dari (der Muttersprache) schwer, mich auszudrücken." Der Übersetzer ist selbst Afghane. Er kam schon vor mehr als 30 Jahren nach Deutschland. Auch wenn in einer Übersetzung immer sprachliche Details verloren gehen, erlebe ich Maqsoodi weniger als Hindernis denn als Brücke zwischen zwei verschiedenen Kulturen. Er hilft mir, mich in Asim einzufühlen. Zentral für den Erfolg einer Therapie ist ohnehin, eine therapeutische Beziehung aufzubauen, die über Sprachliches hinausgeht: Ich wende mich Asim zu, zeige Verständnis und würdige, was er leistet, was er alles aus- und durchhält.

Asim klagt über starke Kopfschmerzen und Schlafschwierigkeiten. In der Vorbereitungsklasse für Flüchtlinge könne er sich schwer konzentrieren, schweife immer wieder ab. Liest er einen Satz vor, habe er am Ende des Satzes den Anfang wieder vergessen. Er sagt, seine Gedanken "fliegen davon". Auch während Maqsoodi übersetzt, richtet sich Asims Blick nach innen und seine Mimik erstarrt. "Ich bin schon da, aber innerlich schnell in Afghanistan", erklärt er. Er macht sich Sorgen um seine Familie. Zudem fallen ihm jetzt – seit er zumindest vorübergehend in Sicherheit ist – immer mehr Situationen ein, die er nur mit großem Glück überlebt hatte. Was ihm früher das psychische Überleben sicherte (Abschweifen, nicht richtig wahrnehmen), erschwert ihm jetzt das Leben in Sicherheit.

In Afghanistan herrscht Krieg, solange Asim denken kann. Unzählige Leichen habe er gesehen, erzählt er. Seine geliebte Schwester habe er bei einem Bombenangriff verloren. 30 Stunden war er mit ihr auf den kaputten Straßen unterwegs, um sie ins Krankenhaus zu begleiten, wo sie schließlich gestorben ist. Asim erlebt viele Kriegsszenen in seinem Inneren immer wieder. Anders als in den meisten Therapien geht es weniger darum, eine unbewusste Dynamik etwa in Fantasien, Gedanken oder im Verhalten aufzuspüren. So banal es sich vielleicht anhören mag – mit Asim geht es zunächst darum, dass ich seine immer wieder aufsteigenden, quälenden Bilder mit ihm gemeinsam aushalte.

Einmal kommt er mit einer verbundenen geschwollenen Hand: Er sagt, er habe nachts um sich geschlagen, dabei den Heizkörper erwischt. Er lächelt. Warum er lächle, frage ich ihn. "Man kann doch nicht immer nur traurig sein", sagt er.

Sein Heimatort gilt als Hochburg der Taliban. Er erinnere sich nicht mehr daran, wie alt er war, als er das erste Mal mit den Taliban zusammenstieß. Er weiß aber noch, dass ihm zu dieser Zeit viele Milchzähne ausfielen und er Zahnlücken hatte. Er habe mit seinem Freund draußen gespielt, als bewaffnete Taliban in einem Auto angefahren kamen. Sie hätten seinen etwa gleichaltrigen Freund an den Wagen gebunden und seien davongefahren. Er habe den kleinen, toten und völlig deformierten Körper später im Straßengraben gefunden. Asim berichtet dies mit ruhiger Stimme, seine Mimik verrät nichts von dem Wahnsinn in seinen Erzählungen.