Bei einer Gedenkzeremonie für die Opfer eines Massakers der Nationalsozialisten an griechischen Zivilisten ist der deutsche Botschafter in Griechenland, Peter Schoof, in eine Auseinandersetzung über Naziverbrechen im Zweiten Weltkrieg verwickelt worden. Die griechische Linkspolitikerin Zoe Konstantopoulou versuchte, Schoof daran zu hindern, einen Kranz für die NS-Opfer von Distomo niederzulegen. "Sie haben nicht das Recht!", rief Konstantopoulou. Ein Journalist dokumentierte den Vorfall mit einem Video auf Facebook.

Die Politikerin protestierte, weil die Erinnerung an das Verbrechen ihrer Ansicht nach nicht ausreicht. Sie fordert von Deutschland zusätzlich Entschädigungszahlungen. "Sie müssen den Opfern Reparationen zahlen!", sagte Konstantopoulou zum deutschen Botschafter. Einige Umstehende riefen zustimmend "Bravo", andere verurteilten die Aktion als "Schande". Konstantopoulou war 2015 als Mitglied der linken Regierungspartei Syriza kurzzeitig Parlamentspräsidentin gewesen.

Schließlich stand der frühere griechische Widerstandskämpfer Manolis Glezos auf. Der 94-Jährige nahm Schoof an die Hand und führte ihn nach vorne zum Mahnmal, damit der Botschafter den Kranz ablegen konnte. "Das Kind eines Verbrechers, was auch immer die Verbrechen seines Vaters oder seiner Mutter seien, ist dafür nicht verantwortlich", begründete Glezos seine Unterstützung.

Glezos war von den Nazis dreimal festgenommen und wiederholt gefoltert worden. Als er 18 Jahre alt war, war er mit einem Freund Ende Mai 1941 im besetzten Athen auf die Akropolis geklettert und hatte dort die Hakenkreuzfahne entfernt. Für die Aktion wird er bis heute als Volksheld gefeiert.

Griechenland fordert 269,5 Milliarden Euro

Die Frage nach Entschädigungszahlungen betrifft seit Langem die deutsch-griechischen Beziehungen. Die griechische Regierung bezifferte ihre Forderung zuletzt auf 269,5 Milliarden Euro. Deutschland weist das zurück. 2003 lehnte der Bundesgerichtshof die Reparationszahlungen ab, drei Jahre später bestätigte das Bundesverfassungsgericht diese Auffassung. Einige Historiker sehen die Forderungen allerdings als berechtigt an.

In den 1940er Jahren besetzten die Nationalsozialisten Griechenland und verübten zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung. Neben der Ortschaft Distomo war es auch in Kommeno, Lingiades, Kalavryta, Kandanos und Viannos zu Massakern durch die Nazis gekommen. Hunderttausende Menschen wurden getötet, darunter fast alle Einwohner von Distomo. Der Ort liegt etwa 200 Kilometer nordwestlich von Athen. Dort ermordete die Waffen-SS am 10. Juni 1944 insgesamt 218 Bürger, darunter 50 Kinder. Zur Erinnerung an das Massaker wurde am Samstag eine Gedenkzeremonie veranstaltet.