Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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Seitdem ihr Mann tot ist, sitzt Margarete Senger fest. Sie hat keinen Führerschein, das Auto hat sie verkauft. Zur nächsten Bushaltestelle sind es von Bellahn fast zwei Kilometer, von dort fährt der Bus in die nächste Kleinstadt aber nur viermal am Tag. Verwandte in der Nähe hat Senger, achtzig Jahre alt, nicht. Ihr Pflegesohn lebt in Berlin, ihre Pflegetochter ist tot. Wie soll sie zum Arzt kommen, wie zum Einkaufen, oder wie zum 30 Kilometer entfernten ICE-Bahnhof?

Daseinsvorsorge, das ist so ein unscheinbares Verwaltungsdeutschwort. Dabei steht es für eine der wichtigsten Aufgaben des Staates: nämlich, seinen Bürgern Leistungen zur Verfügung zu stellen, die grundlegend sind, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das können Straßen sein, die Wasser- oder die Stromversorgung, die Müllabfuhr, Friedhöfe. Oder eben öffentliche Verkehrsmittel.

Doch klamme Landkreise im Osten und Westen haben es immer schwerer, einen halbwegs flächendeckenden Busverkehr zu organisieren. Aus der Sicht eines Finanzministers ist es nachvollziehbar, wenn kaum genutzte Buslinien gestrichen werden, aber in Dörfern mit wachsendem Altersschnitt stellen sie die Menschen vor große Probleme.

Auch Frau Senger wüsste kaum, wie sie ihr Leben organisieren sollte, hätten nicht ein paar Menschen in ihrer Gemeinde die Sache selbst in die Hand genommen. Weil der finanzschwache Landkreis Lüchow-Dannenberg nicht kann, was er eigentlich können sollte, haben Freiwillige selbst ein Auto organisiert, ehrenamtliche Fahrer zusammengesucht, eine Hotline eingerichtet, Fahrplanvordrucke ausgearbeitet. Die Idee: ein flexibler Bürgerbus, der nachbarschaftliche Hilfe auf verlässliche Füße stellt, Menschen aus der dörflichen Gefangenschaft befreit und sie teilhaben lässt am Leben. Seit zwei Jahren ist das Zernien-Mobil unterwegs, montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr.

In ganz Deutschland gibt es an die 300 Initiativen, die ehrenamtliches Busfahren organisieren, um den öffentlichen Personennahverkehr zu verbessern. Tendenz: steigend. Im Gegensatz zum Modell in Zernien hat die Mehrzahl dieser Projekte einen festen Fahrplan statt individueller Fahrtermine.

Ein regulärer Bus nur vom Hauptort aus

In Zernien wollten sie flexibel bleiben. Die Gemeinde hat 18 Ortsteile. Der namensgebende Hauptort hat eine Bushaltestelle. Von dort aus fährt fünfmal am Tag ein Bus in die nächste Stadt. In den meisten der 17 Dörfer drumherum halten dagegen – wenn überhaupt – nur Schulbusse. Wer nachmittags einen Termin hat, hat keine Chance, mit dem Bus hinzukommen.

Margarete Senger zieht die Tür des silberfarbenen Vans auf, legt ihre Handtasche und einen Einkaufsbeutel auf den Sitz neben sich. Fahrerin Elke Jacobs-Borgard startet den Motor und wischt sich den Schweiß von der Stirn, bevor sie auf die Straße abbiegt. Die Klimaanlage ist seit ein paar Wochen kaputt und im Auto wird es an diesem sonnigen Tag immer heißer. "Ab 80 km/h in den sechsten Gang schalten", steht auf dem Armaturenbrett, 355.648 gefahrene Kilometer zeigt der Tacho an. Bald gibt es ein neues Auto. Der Verein ist so gut angekommen, dass genug Geld da ist.