Blaulicht-Einsätze wegen Drogendelikten sind in Berlin Routine. Als im Mai aber SEK-Trupps mit Maschinengewehren um 6 Uhr morgens in der Hauptstadt Razzien durchführen, fällt etwas auf: Die Beamten werden von Ermittlern des Staatsschutzes begleitet, die sich eigentlich nur dann einschalten, wenn es um politisch motivierte Straftaten geht. Eine Hundertschaft von Polizisten durchsucht an diesem Mittwoch sieben Adressen in vier Berliner Bezirken, darunter Wohnungen, eine Flüchtlingsunterkunft und ein Restaurant. Die Polizei findet Drogen, diverse Waffen und trifft neun Verdächtige, die abgeführt werden. Zum Zeitpunkt der Festnahmen lagen gegen einige von ihnen bereits Haftbefehle vor – wegen Verdacht auf bewaffneten, bandenmäßigen Rauschgifthandel.

Stunden später wird in einer gemeinsamen Pressemeldung von Berliner Polizei und  Staatsanwaltschaft klar, warum auch der Staatsschutz vor Ort war. Mindestens vier der neun Festgenommen werden für gewaltbereite Islamisten gehalten. Grund für die Haftbefehle war die extremistische Ausrichtung der Männer, ein Sprecher der Staatsanwaltschaft verdeutlichte aber: "Der Fall zeigt, dass die Grenzen hier fließend sind. Es gibt Querverbindungen zwischen Islamisten und Kriminellen."

Vor dem Terror war die Kriminalität

Der Fall erinnert an die Biografien der Attentäter, die in den vergangenen Monaten bei Anschlägen in Europa im Namen des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) viele Menschen in den Tod gerissen haben. Auch Anis Amri, verantwortlich für das Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, konsumierte Ecstasy und Kokain und handelte damit, bevor er mordete. Im März 2016 verübten unter anderem die Bakraoui-Brüder Anschläge in Brüssel, beides kriminelle Fanatiker. Der jüngere Bruder, 27, war bereits wegen schweren Überfalls zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der ältere, 29, hatte bei einer Verfolgungsjagd mit einer Kalaschnikow auf Polizisten geschossen. Im November 2015 waren Terroristen wie Salah Abdeslam in Paris für den Tod von 130 Menschen verantwortlich. Abdeslam war wegen Drogendelikten polizeibekannt. Auch Berlins bekanntester IS-Export, Dennis Cuspert, machte eine Gangsterkarriere (Waffenbesitz, Diebstahl, Drogenkonsum), bevor er sich entschloss, in Syrien zu kämpfen. Salman Abedi, der Selbstmordattentäter von Manchester, war laut einem Bericht des Guardian Mitglied einer kriminellen Gang.


Zwei Drittel der IS-Unterstützer sind polizeibekannt

Bei einem Blick auf die Attentäter wird deutlich, dass der Übergang vom Kriminellen zum Islamisten nicht weit ist. Eine aktuelle Analyse des BKA belegt sogar, dass von 778 aus Deutschland nach Syrien und Irak ausgereisten Terrorunterstützern zwei Drittel vorher polizeilich registriert waren. Unter ihnen sind wiederum 32 Prozent durch sechs bis acht Delikte in Erscheinung getreten, also Mehrfachtäter. Bezüglich des kriminellen Hintergrunds soll die Quote bei den aus Frankreich ausgereisten Personen ähnlich hoch sein, in Norwegen und in den Niederlanden sogar bei 60 Prozent liegen. In Berlins Sicherheitskreisen ist bereits die Rede davon, dass es den "klaren Cut" zwischen Islamisten und Kriminellen nicht mehr gibt. Der belgische  Anti-Terrorismus-Experte Alain Grignard spricht in Bezug auf junge Kriminelle, die sich dem IS anschließen, von einer Art "Super-Gang".

"Es fehlt vielen Kriminellen an einer Perspektive. Gescheiterte Persönlichkeiten mit einfachen Erziehungsmustern werden dann gezielt von Extremisten angesprochen", sagt Pädagoge Thomas Mücke. Er ist seit 26 Jahren im Bereich der De-Radikalisierung tätig und hat schätzungsweise mit tausend radikalisierten Jugendlichen gearbeitet. Früher half er jungen Frauen und Männern, aus der Naziszene auszusteigen, heute hilft er ihnen aus den Fängen von Islamisten.

Mücke glaubt, dass nicht der Islam zur Radikalisierung führt, sondern in erster Linie psychosoziale Probleme. Salafisten stürzten sich vor allem auf Menschen, die sich in einer temporären Krise befänden oder auf der Suche nach Identität, Geborgenheit und Orientierung seien. "Bei Kriminellen kommt hinzu, dass sie glauben, sie könnten sich durch die ihnen angebotene Ideologie reinwaschen."

Der IS rekrutiert Berufskriminelle

Was dieses Reinwaschen bedeutet, hat eine am Londoner King’s College durchgeführte Studie mit dem Titel European Jihadists and the New Crime-Terror Nexus untersucht. Dafür wurden die Lebensläufe von 79 Dschihadisten untersucht, die bereits vor ihrer Radikalisierung Straftaten begangen haben. Das Fazit der Forscher: Die von der Terrormiliz IS suggerierten Werte und Emotionen sind erstaunlich gut abgestimmt auf die Wünsche von Berufskriminellen. "Ein Phänomen ist, dass der IS dort rekrutiert, wo auch kriminelle Gangs rekrutieren. Das sind zum Beispiel die Vororte von Paris oder der Stadtteil Molenbeek in Brüssel. Dort finden sie häufig junge Männer, die auch in anderen kriminellen Milieus aktiv waren – dadurch ergeben sich gewisse Kontinuitäten", sagt Terrorismus-Experte und Koautor der Studie Peter Neumann.

Ähnlich wie Mücke sagt auch Neumann, der Ansatz des Reinwaschens mache Kriminelle besonders empfänglich für Fanatiker. "Oft befinden sie sich in existenziellen Krisen und denken sich: 'Ich muss etwas tun, um meine kriminelle Taten wieder gut zu machen'".

Islam spielt für den IS keine Rolle

Laut der Studie gibt es aber auch pragmatische Gründe, aus denen sich Kriminelle als Terroristen eignen. Sie haben in der Regel einen leichteren Zugang zu Waffen und bringen zudem eine gewisse Abgeklärtheit im Umgang mit Sicherheitsbehörden mit. Neumann betont jedoch, dass am Ende vor allem die ideologische Perspektive Kriminelle in den Bann des IS ziehe.

"Das Begehen von Straftaten wird vom IS systematisch legitimiert und gerechtfertigt. Als Begründung hält das ideologische Konzept der Ghanīma her: Dabei handelt es sich um Kriegsbeute. Im Prinzip wird bei der Rekrutierung gesagt, dass im Land der Ungläubigen alles erlaubt ist. Du kannst deinem Feind schaden, solange es dir nutzt. Damit legitimieren viele ihre kriminellen Handlungen."

Den Ungläubigen schaden

Die Rekrutierungsmechanismen des IS machten auch deutlich, wie widersprüchlich die Miliz sei und wie sie sich etwa von Al-Kaida unterscheide. "Der Ansatz, ausgiebig über Religion zu diskutieren und in den salafistischen Diskurs hineinzupassen, den gibt es beim IS nicht. Ihr Geschäftsmodell ermöglicht es deshalb einem Gangster, ein Gangster zu bleiben", sagt Neumann. "Kein Drogendealer muss plötzlich ein Mönchsgewand anziehen und den ganzen Tag beten, stattdessen dürfen sie ihre Gangsterkarriere fortsetzen. Dafür wird ihnen am Ende sogar der Himmel versprochen. Al-Kaida hat dagegen gewisse Ansprüche."

Neumann sagt, dass er mit seinem Team in den Grenzorten der Türkei auch mit IS-Kämpfern gesprochen habe. Sie hätten gesagt, dass Al-Kaida oder die Al-Nusra-Front sie nicht akzeptierten und zwar mit der Begründung, sie kennten ihre Religion nicht. "Beim IS ist das ganz anders, vor allem für Kämpfer im Land des Feindes."

Wie die Strategie der Salafisten bei radikalisierten Jugendlichen auf der Straße ankommt, weiß André Taubert. Er leitet eine Ausstiegsberatung und war zehn Jahre  Straßensozialarbeiter in Bremen. "Das wird dann Halal-Abziehen genannt. Die Jugendlichen glauben dann, wenn sie Ungläubige überfallen, sei das in Ordnung."

Dass die in Berlin festgenommenen mutmaßlichen Islamisten mit Kokain, Haschisch und Ecstasy gehandelt haben sollen, überrascht Taubert nicht: "Alles wird systematisch schöngeredet. Drogenverkaufen sehen sie in ihrem Fanatismus nicht als Problem, weil sie damit ja den Ungläubigen schaden. Und wenn die Konsumenten Muslime sind, dann reden sie sich auch das schön, indem sie sagen: 'Wahre Muslime hätten die Drogen erst gar nicht gekauft'."