Muslimische Schüler der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule aus Berlin-Moabit sind auf einer Reise nach Polen mehrfach rassistisch beleidigt, bedroht und angegriffen worden. Das berichtet das polnische Nachrichtenportal Wirtualna Polska unter Berufung auf die Schüler und die polnische Zeitung Fakt

Demnach wurde eine kopftuchtragende Schülerin nach eigenen Angaben am 21. Juni im ostpolnischen Lublin bespuckt und beleidigt. Freunde der Muslima, die ihr helfen wollten und Streifenpolizisten auf den Vorfall aufmerksam machten, wurden demnach ignoriert. Als sie ein weiteres Kommissariat aufsuchten, um den Übergriff zu melden, seien sie für ihre Beschwerde ausgelacht worden, sagte Magdalena Zagórska, eine in Deutschland geborene Polin, die der Reisegruppe als Übersetzerin diente.

Die Schülerin Şeydanur Kılıç, eines der kopftuchtragenden Mädchen, sagte dem Deutschlandfunk: "Wir haben auch ein Grinsen in den Gesichtern der Polizisten gesehen und ein Pole hat uns erklärt, dass uns die Polizisten nicht helfen wollten." Die Polizei bestätigte den Vorfall, sagte aber, sie habe die Schüler aufgrund von Sprachbarrieren missverstanden.

Andere muslimische Schüler sagten, ihnen sei der Zutritt zu einer Synagoge in Lublin untersagt, weil sie ein "Sicherheitsrisiko" darstellten. Auch berichteten die Schüler, Verkäufer in der Lubliner Altstadt hätten sich geweigert, ihnen Wasser zu verkaufen. Sie hätten ihren Entschluss damit begründet, dass sie keine Polen seien.

Die Berliner Schüler waren Teil der AG "Erinnern", bei der sie für die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden sensibilisiert werden sollten. Zu diesem Zweck reiste die Lehrerin und Leiterin der Arbeitsgemeinschaft, Sabeth Schmidthals, mit den Schülern erst nach Israel, im Jahr darauf nach Spanien und Frankreich. In diesem Jahr führte die Auseinandersetzung mit dem Thema die Jugendlichen nach Polen, wo sie die Vernichtungslager Treblinka und Majdanek ebenso wie die Städte Warschau, Lublin und Łódź besuchten.

"Man kann sagen, dass es Schüler sind, die sehr aktiv sind, und gerade entgegen der normalen Meinung, Jugendliche interessieren sich nicht für das Thema, und muslimische sowieso nicht, kann ich genau das Gegenteil sagen: Die Motivation ist hoch", sagte Schmidthals dem Deutschlandfunk über ihre AG.

Schüler wollten in Polen bleiben

Wie Wirtualna Polska berichtet, waren die Vorfälle in Lublin nur ein Teil von zahlreichen rassistischen Beleidigungen und Demütigungen, denen kopftuchtragende Mädchen auf der Reise ausgesetzt waren: Während ihres Aufenthalts in Łódź wurden mehrere von ihnen beim Vorbeigehen von Passanten beleidigt. Einer der Schülerinnen wurde Wasser über ihre Kleidung und Kamera gegossen. Einer anderen wurde angedroht, dass sie Essen ins Gesicht geschmissen bekomme.

In Warschau wiederum wurde eine Schülerin in einem Hotel, eine andere in einem Einkaufszentrum beleidigt und bedroht. Eine weitere Teilnehmerin der Reisegruppe wurde eines Einkaufsladens verwiesen, berichten die Portale Wirtualna Polska und Fakt. Ein Sicherheitsmann habe gehört, dass sie am Telefon Persisch sprach. Diese störe die "Ruhe der Kunden", habe er gesagt.

Der Direktor der NS-Gedenkstätte "Haus der Wannseekonferenz", Hans-Christian Jasch, der die AG der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule unterstützt, sagte: "Ich bin besonders geschockt, dass das den Jugendlichen passiert ist, die uns ja auch anvertraut sind für diese Reise und gerade auf einer Reise, wo sie sich mit diesem Thema beschäftigen."

Schmidthals sagte, die Arbeitsgemeinschaft hätte überlegt, Polen zu verlassen. Die muslimischen Schüler argumentierten jedoch, eine vorzeitige Ausreise stelle eine Ausflucht dar. Sie wiederum wollten sich nicht dem Rassismus in Polen geschlagen geben.

Opposition macht Regierung verantwortlich

Viele Menschen in Polen reagierten schockiert auf die Berichte. Eine Frau in Lublin, die die Abweisung der Polizei mitbekommen hatte, versuchte sich bei der Reisegruppe zu entschuldigen, berichtet die Übersetzerin Zagórska. "Pogrome, faschischtische Überfälle, Rassismus, Xenophobie – das ist auch Teil von uns Polen", twitterte der Journalist Przemysław Szubartowicz.

Auch die Opposition machte die Recht- und Gerechtigkeitspartei (PiS) für die Übergriffe verantwortlich. "Seid ihr das, Beata Szydło und Mariusz Błaszczak?", fragte Monika Wielichowska, eine Politikerin der Bürgerplattform (PO). Sie verwies damit auf die Regierungschefin Szydło und ihren Innenminister. Auch der ehemalige Justizminister der PO, Borys Budka, griff die Regierung an. "Was sagen sie dazu, Herr Błaszczak Sind sie stolz auf sich? Zu was habt ihr mit eurer Xenophobie geführt? #schande", twitterte der Oppositionspolitiker.

Kacznyski spricht von "Getier" und "Lumpenpack"

Hintergrund sind die zahlreichen rassistischen Äußerungen der nationalkonservativen Regierungspartei, die seit November 2015 das Land regiert. "Lasst euch nicht einreden, dass die Ablehnung der Polen gegenüber Flüchtlingen etwas Schlechtes sei", twitterte der Account der PiS erst Mitte Juni. Im selben Monat sagte Jarosław Gowin, der Wissenschafts- und Bildungsminister Polens, sein Land werde keine Flüchtlinge aufnehmen, "weil jedes Land und jedes Volk das Recht hat, sich vor der Ausrottung zu schützen". Auf Nachfrage, was Gowin damit meine, entgegnete er, dass die Entscheidung westeuropäischer Staaten, Flüchtlinge aufzunehmen, der Beginn der "Selbstvernichtung Europas" sei, bei dem die polnische Regierung nicht mitmachen werde.

Das EU-Land Polen ist eines von wenigen, dass sich seit Jahren weigert, Flüchtlinge aufzunehmen. So sagte Innenminister Mariusz Błaszczak bereits 2016, mit der Ankunft von Flüchtlingen würde die Terrorgefahr steigen. Der Parteivorsitzende der PiS, Jarosław Kaczyński, sagte, die Flüchtlingskrise käme der "Invasion" gleich. In der Vergangenheit hatte er Flüchtlinge unter anderem als "Getier" und "Lumpenpack" bezeichnet.

Tomasz Nałęcz, der ehemalige Berater des Präsidenten Bronislaw Komorowski von der PO, verglich Kaczyńskis Rhetorik unlängst mit der von Joseph Goebbels. "Seine Äußerungen, wonach Flüchtlinge Krankheiten und Bakterien transportierten, ist die Sprache der 1930er-Jahre", sagte Nałęcz.

Eine Analogie, die auch die AG der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule teilen würde: "Wir wollten erfahren, wie Rassismus früher ausgesehen haben muss", sagte der Sohn der Lehrerin und Betreuer, Maxim Schmidthals, dem TV-Sender TVN, "aber wir haben stattdessen erfahren, wie aktuell er noch heute ist."