Ohne durchgreifende Reformen des Rentensystems wird die Altersarmut in Deutschland weiter steigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Demnach könnten bis 2036 rund 20 Prozent der Menschen von Armut im Alter betroffen sein, die dann in den Ruhestand gehen – und damit vier Prozentpunkte mehr als noch 2015.

"Unbefristete Jobs und eine langjährige Bindung an den Arbeitsplatz – dieses Arbeitsmodell ist für viele Menschen selbstverständlich", heißt es in der Studie. Tatsächlich gehörten jedoch "Minijobs, lange Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne" für immer mehr Arbeitnehmer "mittlerweile zum Alltag". Das größte Risiko sehen die Forscher deshalb für alleinstehende Frauen, Langzeitarbeitslose und Niedrigqualifizierte.

Als armutsgefährdet werden dabei Rentner eingestuft, deren monatliches Nettoeinkommen unter 958 Euro liegt. Voraussichtlich 7 Prozent der Neurentner würden dann auf staatliche Unterstützung angewiesen sein, weil ihr Einkommen nicht für den Lebensunterhalt reicht. 2015 waren dies 5,4 Prozent.

Besonderes Risiko für Frauen und im Osten

Bei Frauen könnte die sogenannte Grundsicherungsquote künftig der Studie zufolge sogar von 16 Prozent im Jahr 2015 bis 2036 auf etwa 28 Prozent der Neurentnerinnen ansteigen. Bei Langzeitarbeitslosen sei ein Anstieg von 19 auf 22 Prozent zu erwarten, bei Menschen ohne Berufsausbildung von zehn auf 14 Prozent. Besonders stark ist demnach auch der Osten Deutschlands betroffen, eine Folge der Umbrüche auf dem dortigen Arbeitsmarkt Anfang der 1990er Jahre. Hier werde sich das Risiko von Altersarmut bis 2036 von 5 auf 11 Prozent mehr als verdoppeln.

Das Problem prekärer oder nichtkontinuierlicher Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor wird dabei der Studie zufolge verschärft durch das generelle Absinken des Rentenniveaus aufgrund der demografischen Entwicklung und damit verknüpfter Änderungen des Rentenrechts. Dazu kommen die Folgen der Niedrigzinsphase auf dem Kapitalmarkt für Geldanlagen zur Altersvorsorge. Zugleich erwiesen sich die zum Ausgleich geschaffenen Instrumente der privaten Altersvorsorge gerade für Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor oft als wirkungslos.

"Böses Erwachen für die Babyboomer"

Keine Lösung der Probleme im Niedriglohnsektor sieht der Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann-Stiftung, Christof Schiller, in den aktuellen Bestrebungen für eine Stabilisierung des Rentenniveaus. Zwar sei dies zu begrüßen, es helfe aber "Risikogruppen nicht weiter, die schon während ihrer Berufsjahre nur schlecht von ihrem Gehalt leben können". Sinnvoller seien für diese Menschen mehr Instrumente für flexiblere und sicherere Übergänge im Erwerbsverlauf sowie für eine verbesserte Arbeitsmarktintegration von Risikogruppen. "Wir brauchen weitere Reformen für den Ruhestand: Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen", sagte Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung.

Grundlage der Studie sind repräsentative Haushaltsdaten, die Alterseinkommen aus gesetzlicher, privater und betrieblicher Altersvorsorge von 2015 bis 2036 prognostizieren. DIW und ZEW führten dafür entsprechende Simulationsberechnungen für die Geburtsjahrgänge zwischen 1947 bis 1969 durch.