Atomkraftwerke - Menschenkette gegen belgische Reaktoren Rund 50.000 Menschen haben laut Veranstalter die 90 Kilometer zwischen Tihange und Aachen gesäumt. Sie forderten die sofortige Abschaltung zweier belgischer Atommeiler. © Foto: Eric Vidal / Reuters

Mit einer grenzüberschreitenden Menschenkette haben Zehntausende Menschen für die sofortige Abschaltung zweier belgischer Atommeiler demonstriert. Die 90 Kilometer lange Menschenkette reichte von Aachen über das niederländische Maastricht und Lüttich in Belgien bis nach Tihange, wo eines der Kernkraftwerke steht. Nach Angaben der Veranstalter nahmen rund 50.000 Menschen an der Demonstration teil. Von Seiten der Behörden gab es zunächst keine Angaben zur Teilnehmerzahl.

"Wir bedanken uns ganz herzlich bei 50.000 TeilnehmerInnen", schrieb die grenzüberschreitende Initiative Stop Tihange auf Twitter. Der Protest unter dem Motto "Kettenreaktion Tihange" richtete sich gegen die wegen Sicherheitsmängeln umstrittenen Atomkraftwerke Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen. Es sei unverständlich und inakzeptabel, dass die belgische Regierung den Weiterbetrieb der Kraftwerke genehmigt habe, erklärten die Gegner.

Die Teilnehmer fordern, dass die Kraftwerksblöcke Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen sofort abgeschaltet werden. In den Reaktorbehältern sind Tausende Mikrorisse, deren Zahl sich vor kurzem noch erhöht hat: Laut Betreiber Engie Electrabel nicht etwa, weil es tatsächlich mehr geworden wären, sondern weil die Messgeräte anders positioniert und diese Stellen dadurch erst sichtbar geworden seien.

Für die endgültige Abschaltung der beiden Meiler setzt sich seit geraumer Zeit ein breites gesellschaftliches Bündnis aus Bürgern, Kommunen und Politik ein. Belgien plant, bis 2025 ganz aus der Atomenergie auszusteigen. Ursprünglich sollten die Reaktorblöcke Tihange 1 sowie Doel 1 und 2 schon 2015 stillgelegt werden, die Laufzeiten wurden jedoch von der Atombehörde des Landes um zehn Jahre verlängert.

Der Chef der Städteregion Aachen, Helmut Etschenberg, sagte am Grenzübergang, das sei das stärkste Zeichen, das die Region bislang gesendet hat. "Wir wollen mit diesem Unsicherheitsfaktor Tihange 2 nicht weiter leben und wir werden auch keine Ruhe geben." Etschenberg steht an der Spitze des Widerstands einer Allianz von rund 100 Kommunen. "Das ist etwas, was nicht ungehört und unerhört bleiben kann."

Zu den Unterstützern der Menschenkette zählte auch Nordrhein-Westfalens designierter Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). "Die Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 sorgen immer wieder für negative Schlagzeilen", sagte Laschet. "Vor allem die Menschen in der gemeinsamen Grenzregion Nordrhein-Westfalen - Niederlande - Belgien sorgen sich angesichts der eklatanten Sicherheitsmängel um ihre Gesundheit".

Zugleich kündigte Laschet an, die künftige schwarz-gelbe Landesregierung in Nordhein-Westfalen werde sich mit Nachdruck für die Abschaltung der Atomkraftwerke in Tihange und Doel einsetzen. "Wir erwarten, dass auch der Bund stärker als bisher auf die belgische Regierung einwirkt und auf eine Stilllegung der Reaktoren dringt."

Der Leiter hält sein Kraftwerk für "absolut sicher"

Für den Leiter des Kernkraftwerks Tihange, Jean-Philippe Bainier, ist Tihange eines der sichersten Kraftwerke europaweit, "wenn nicht sogar weltweit", wie er kürzlich der Aachener Zeitung und den Aachener Nachrichten sagte. Dagegen zweifeln deutsche Experten an der Sicherheit bei Störfällen.

Mögliche Folgen einer Atomkatastrophe im rund 70 Kilometer entfernten Tihange hat eine von der Städteregion Aachen in Auftrag gegebenen Risiko-Studie gezeigt: Bei üblichen Wind-Verhältnissen können demnach weite Teile des Rheinlands verstrahlt und die Aachener Grenzregion unbewohnbar werden.

Im Dezember haben Deutschland und Belgien ein gemeinsames Atomabkommen geschlossen, das für einen besseren Austausch in Fragen der nuklearen Sicherheit sorgen soll. Der von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und Belgiens Innenminister Jan Jambon unterzeichnete bilaterale Vertrag soll den Informationsaustausch beider Länder verbessern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der nuklearen Sicherheit, des Strahlenschutzes und der Sicherheit der Entsorgung regeln.