Wenn dieser Tage von afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer die Rede ist, wird behauptet, mit ihnen kämen nur noch sogenannte Wirtschaftsmigranten nach Europa – keine "richtigen" Flüchtlinge also. Abgesehen davon, dass sich wahrscheinlich auch die meisten von uns auf den Weg in eine bessere Weltgegend machen würden, müssten wir im Elend leben, stimmt diese pauschale Behauptung nicht.

Unter diesen Menschen sind auch etliche, die einem Bürgerkrieg, politischer, religiöser, rassischer oder ethnischer Verfolgung entflohen sind. Menschen also, die nach der Genfer Flüchtlingskonvention oder dem europäischen und deutschen Asylrecht einen Anspruch auf Schutz haben. Sie erzählen bisweilen schreckliche Geschichten von Verfolgung und Folter, von Krieg und Vergewaltigung, meist nicht sofort, sondern erst mit der Zeit, wenn Schock und Sprachlosigkeit ein wenig gewichen sind und die Gepeinigten Vertrauen in ihre neue Umgebung gewinnen.

Unverzichtbare Beweismittel

Diese individuellen Erzählungen sind wichtig, um Traumata zu bearbeiten und Halt zu finden. Sie sind aber auch aus einem weiteren Grund wichtig: Opfer bezeugen hier schwerste Menschenrechtsverbrechen. Eines Tages könnten ihre Berichte unverzichtbares Beweismittel sein in Strafverfahren gegen die Täter. Denn Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn die Schuldigen bestraft werden.

Selbst wenn dieser Tag in großer Ferne, vielleicht sogar unerreichbar erscheinen mag, ist nicht auszuschließen, dass sich die Peiniger irgendwann einmal für ihre Gräueltaten vor einem Gericht verantworten müssen. Und zwar egal, ob sie Premiers oder Präsidenten sind, Warlords, Aufständische, Terroristen, marodierende Freischärler oder Soldaten. Für solche Gerichtsverfahren gibt es – trotz aller Unzulänglichkeiten – inzwischen viele Beispiele, vom internationalen Jugoslawien- oder Ruanda-Tribunal über den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag bis hin zu nationalen Gerichten, die Menschenrechtsverbrecher, derer sie habhaft geworden sind, nach dem Weltstrafrechtsprinzip verurteilen.

Bestraft werden kann aber nur, wem eine Täterschaft oder Mittäterschaft nachgewiesen werden kann. Es kommt also darauf an, rechtzeitig Beweise zu sammeln und zu sichern. Je früher, desto besser, denn dann ist das Gedächtnis der Opfer noch frisch, sind ihre körperlichen Wunden noch sichtbar, besitzen sie vielleicht noch entlarvende Fotos und Dokumente.

Nur wie macht man es den Menschen bewusst, dass eine solche Beweissicherung sehr wichtig ist? Flüchtlingshelfer wenden oft nachvollziehbarerweise ein, dass sie Vertrauenspersonen und keine Ermittler sind – wie räumt man diesen Einwand aus? Wie erklärt man den Opfern, dass sie sich sicher fühlen dürfen und ihre Informationen nicht in falsche Hände geraten?