Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und Innenminister Thomas de Maizière (CDU) gehören unterschiedlichen Parteien an und sind auch sonst nicht immer einer Meinung. In einer Hinsicht sind sie sich nun allerdings völlig einig: Die Verantwortlichen für die gewalttätigen Krawalle während des G20-Gipfels in Hamburg sollen hart bestraft werden. Und nicht nur sie: Geht es nach Hamburgs Innensenator Andy Grote, sollen auch diejenigen zur Verantwortung gezogen werden, die Gewalttäter nach Hamburg eingeladen und bei ihren Taten gedeckt haben. Doch ob diesen scharfen Tönen auch Taten folgen werden, ist ungewiss. Denn die Verfolgung solcher Straftaten ist schwierig. Ein Überblick über die wichtigsten Fakten:

Wie viele Menschen hat die Polizei bis jetzt gefasst?

186 Menschen hat die Polizei fest- und 228 in Gewahrsam genommen. 82 Festgenommene sind einem Haftrichter vorgeführt worden, 51 Haftbefehle  wurden erlassen. 132 der 186 Festgenommenen sind Deutsche, acht sind französische und sieben italienische Staatsbürger. Die meisten sind männlich und unter 30 Jahre alt. Von den 51 Verdächtigen, die nun in Untersuchungshaft sitzen, sind nach Angaben der Hamburger Staatsanwaltschaft 23 Ausländer, ebenfalls vor allem Italiener und Franzosen. Der Einsatzleiter der Hamburger Polizei, Hartmut Dudde, sagt, die Zahl der Festgenommenen sei sehr hoch. Normalerweise könnten nicht so viele Verdächtige gefasst werden.

Der Polizeiwissenschaftler Rafael Behr von der Akademie der Polizei Hamburg erklärt, die Polizei habe aus früheren Erfahrungen gelernt. Die Verdächtigen werden zügig dem Staatsanwalt und Richter vorgeführt und es gibt schnell einen richterlichen Beschluss. So wird sichergestellt, dass die Verdächtigen während der Demo aus dem Verkehr gezogen sind. Es wird zunächst die Pflicht verlängert, in der der Verdächtige in Haft bleibt. Das seien also keine Schnellgerichte: Danach folge ein mehrstufiges Verfahren.

Welche Straftaten liegen vor und wie können sie bestraft werden?

Die Staatsanwaltschaft wirft den Verdächtigen vor allem Sachbeschädigung, gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch vor. Wer etwa Autos anzündet, kann für Brandstiftung und Sachbeschädigung zu bis zu zehn Jahren Haft verurteilt werden. Wer Läden plündert, muss sich außer wegen Sachbeschädigung auch wegen Diebstahls und Landfriedensbruchs verantworten. Dafür stehen im Strafgesetzbuch bis zu drei Jahre Haft. Wer auf Polizisten mit Steinen wirft, kann wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung verurteilt werden. Wer dabei sogar Gehwegplatten von Dächern wirft, Stahlkugeln oder Zwillen verwendet, kann auch wegen einem versuchten Tötungsdelikt angeklagt werden. Ein Haftbefehl wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr erging in Hamburg gegen einen 27-Jährigen aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, mit einem Laserpointer einen Hubschrauberpiloten geblendet zu haben.

Wie schützen sich die Autonomen vor der Festnahme?

Aufnahmen einer Wärmebildkamera aus einem Polizeihubschrauber haben gezeigt, wie sich Steinewerfer hastig umziehen. Sie legten die Vermummung und die schwarze Kleidung ab und tauschten sie gegen unauffällige Kleidung, die sie in Rucksäcken bei sich trugen. Ein anderer Trick, sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen, besteht darin, sich hinter Unbeteiligten zu verstecken.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Täter verurteilt werden?

Zunächst einmal gilt auch für die Festgenommenen die Unschuldsvermutung. Ihnen Straftaten nachzuweisen, ist sehr schwierig. Dazu müsse man beweisen können, dass genau Person X den Stein oder Molotowcocktail geworfen hat, der dann Polizist Y getroffen hat, sagt der Kriminologe Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum. Andere Schwierigkeiten kommen hinzu: Im Fall des Mannes, dem vorgeworfen wird, einen Hubschrauberpiloten geblendet zu haben zum Beispiel, werde es schwierig sein, nachzuweisen, dass er den Piloten wirklich blenden wollte, so Feltes. Nur dann läge ein Mordversuch vor.

Viele Hinweise der Polizei erwiesen sich in Gerichtsverfahren als nicht haltbar, sagt Feltes. Auch von den Hamburger Gewalttätern dürften am Ende nur wenige bestraft werden, glaubt Feltes. Ohnehin hätten harte Strafen auf die Szene keine abschreckende Wirkung. "Sie glauben ja, nicht entdeckt zu werden. Und nach dem Vollzug sind die Rückfallquoten höher als ohne Gefängnis", sagt Feltes. "Wer nach höheren Strafen verlangt, will nur die Leute beruhigen."

Wie versucht die Polizei, die Täter zu finden?

Der Staatsschutz ermittelt. Eine Sonderkommission wurde eingesetzt. Mehr als 140 Staatsanwälte haben in 232 Sonderschichten etwa über Haftbefehle entschieden. Justizminister Heiko Maas bat um Fahndungshilfe bei seinen EU-Kollegen. Laut Polizeiforscher Behr gibt es zur Identifizierung und Festnahme von Tätern außerdem besonders geschulte und ausgerüstete Einheiten, die sogenannten Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE). Die sind stärker geschützt und haben immer eine Kamera dabei. Diese Bilder wertet die Polizei unmittelbar aus. Wenn sie Menschen beobachten, wie sie Straftaten begehen, versuchen die BFE, sie bei nächster Gelegenheit festzunehmen. Entstanden sind diese Einheiten 1984 aufgrund der Erfahrungen, die man mit den Protesten gegen die Startbahn West in Frankfurt gemacht hatte. Die Polizei hatte damals reihenweise Leute festgenommen, die ihrer Meinung nach Steine geworfen hatten. Doch wenn die Angeklagten Entlastungszeugen mitbrachten oder ihr Anwalt auf Widersprüche in der Personenbeschreibung hinweisen konnte, konnte ihnen nichts nachgewiesen werden.