Polizeigewalt habe es nicht gegeben, resümierte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz vergangene Woche nach dem G20-Gipfel, alles andere sei Denunziation. Doch manche Berichte sagen etwas anderes, denn auch zwei Wochen nach dem Gipfel tauchen noch Bilder und Videos von polizeilichen Übergriffen auf, und es laufen auch bereits interne Ermittlungen.

Da ist der Faustschlag eines behelmten Polizisten, der einen Mann trifft, der sich vor einen Polizeibus gestellt hat, um die Weiterfahrt zu verhindern. Da ist die Gruppe von Beamten, die am Fischmarkt auf einen Mann mit lila Irokesen-Haarschnitt eintritt, auch als dieser längst am Boden liegt.

Auch wenn man nicht immer erkennen kann, was den Übergriffen der Polizisten vorausgegangen ist: Wegzudiskutieren sind sie nicht. Zu Dutzenden sind sie auf Handyvideos und Fernsehkameras dokumentiert.

Bei anderen Fällen war keine Kamera dabei. Zum Beispiel bei dem 21-jährigen Psychologiestudenten und Sozialarbeiter Leo Castro aus Bremen. Er gibt an, erst am Samstag nach Hamburg gefahren zu sein, also nach den Krawallen im Schanzenviertel. Er wollte an der Großdemonstration gegen G20 teilnehmen, als Teil einer Gruppe der Linkspartei  Bremen. Am Abend ging er ins Schanzenviertel, bis Wasserwerfer und Polizisten eine Sitzblockade vor der Roten Flora auflösten und die Demonstranten Richtung Pferdemarkt trieben. Dort angekommen, habe er sich in einen Hauseingang gesetzt, sagt er, um zu signalisieren, dass er nicht Teil der Auseinandersetzung sein wolle.

Wie glaubhaft sind die Aussagen?

Plötzlich seien drei Polizisten gekommen. Einer erklärte, man gäbe ihm nur zurück, was seine Leute ihnen in der Schanze angetan hätten. "Ihr könnt mich festnehmen, ich werde mich nicht wehren", will er ihnen zugerufen haben. Dennoch hätten sie ihn geschlagen, andere Polizisten hätten sie umringt, damit die Prügelszene von außen nicht zu sehen sei. Er erinnert sich an Beschimpfungen wie "Dreckszecke", "Muschi" oder "Kanake", Castro hat Migrationshintergrund.

Drei Stunden braucht die Polizei, um ihn in die Gefangenensammelstelle nach Hamburg-Harburg zu bringen, wo er bis zum Sonntagnachmittag bleibt. In diesen drei Stunden sollen die Polizisten ihn misshandelt und gedemütigt haben, es fallen angeblich Sätze wie "Wir brechen dir die Knochen" und "Wir bringen dich um!" Ein Polizist habe ihm mit einem Schlag ins Gesicht das Nasenbein gebrochen, die blutunterlaufene Stelle ist deutlich zu sehen, auch nach einer Woche noch.

Leo Castro heißt eigentlich anders und er hat noch keine Anzeige erstattet. Seine Anwältin hat ihm erklärt, er müsse mit einer Gegenanzeige rechnen, und dass die Polizisten sich wohl in ihren Aussagen untereinander absprechen würden. Statistisch gesehen haben Strafverfahren gegen Polizisten kaum Chancen, nach Angaben der Recherchegruppe Correctiv kommt es nur in ein Prozent der Fälle zu Anklagen, Verurteilungen von Polizisten werden nicht erfasst.  

Aber ist Castro überhaupt glaubhaft? Seine Wunde kann viele Ursachen haben. Möglich ist auch, dass der 21-jährige ein Ammenmärchen erzählt, um der Polizei zu schaden. Andererseits gibt es einige von diesen Geschichten und sie ähneln sich. Die ZEIT hat mit Opfern von Übergriffen gesprochen, hat sich Verletzungen und Röntgenbilder zeigen lassen, hat Zeugen gehört, wo es möglich war, und überprüft, ob sie zum Ablauf der Ereignisse passen, wie man ihn kennt. Polizei und Staatsanwaltschaft können zu diesen Fällen noch keine Aussage treffen, heißt es auf Nachfrage, erst müsse das Dezernat interne Ermittlungen recherchieren.