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Nächte des Zorns

Zunächst einmal muss – höchst vorsorglich – auch hier gesagt werden, dass wir Gewalt als Mittel politischer und sonstiger Auseinandersetzungen ablehnen. Sie darf nach Ansicht der meisten Deutschen nicht Mittel von Innenpolitik sein, außer natürlich in Syrien, Venezuela, der Ukraine und anderen Ländern. In Deutschland werden Gewalttaten, wie wir wissen, unnachsichtig verfolgt. 

Zweitens muss gesagt werden, dass es deshalb auch verboten ist, einem legitimen Staatswillen gewaltsamen Widerstand entgegenzusetzen, Menschen ohne rechtfertigenden Grund oder gar nur deshalb, weil sie anderer Meinung sind, zu verletzen oder zu töten. Es ist auch verboten, das private Eigentum fremder Menschen zu zerstören, es wegzunehmen oder zum Gegenstand demonstrativer Verachtung zu machen.

Drittens muss festgehalten werden, dass natürlich die meisten internationalen Konferenzen über Währungs- und Wirtschaftsfragen sinnvoll sind, weil es in der Regel besser ist zu reden als nicht zu reden. Es ist auch wichtig, dass Indonesien mit Argentinien spricht. Ob auch Gespräche zwischen Ivanka Trump und Wladimir Putin sowie zwischen Tina Schausten und Martin Schulz sinnvoll, wichtig sind, mag dahinstehen.

Tage der Analyse

All dies ist, wie sollte es anders sein, umstritten. Das ist ja das Erregende, Spannende und letztlich Schöne an Ereignissen wie dem sogenannten Gipfel, dass man verlässlich prognostizieren kann, dass das Event zunächst daherkommt wie ein Hafengeburtstag und sich dann entpuppt als Delirium tremens. Wir erfahren: Jahrelang liefen die Vorbereitungen auf das Ereignis.

Und nun: Etwa ein paar Tausend Personen im "schwarzen Block"! Damit konnte niemand rechnen – der Expo-Eröffnung in Mailand 2015, den sogenannten Ereignissen von Berlin im Juli 2016, allerlei G8- und Dutzenden anderen Gelegenheiten (wie etwa dem G7-Gipfel in Taormina) zum Trotz. Die Stadtregierung von Hamburg, die doch seit vielen Jahren eine übersichtlich-kuschelige Szene "autonomer" Weltverächter nebst deren Heimstatt Rote Flora als liebenswertes touristisches Highlight zwischen Hafen und Räucheraal vorführt, war jedenfalls total überrascht.

Besonders umstritten ist, wie sollte es anders sein, jeglicher Zusammenhang zwischen Finanzmärkten, Drogerien und Präzisionsschleudern. Hier treffen wir einerseits auf Analysten wie den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz, der uns via heute am 9. Juli mitteilte: "Links und Gewaltanwendung schließt sich gegenseitig aus. Die Leute, die da behaupten, sie seien links, die sind bescheuert, nicht links", andererseits auf Cem Özdemir, fest in Grohnde, Brokdorf und Wackersdorf verwurzelt, mit der messerscharfen Beschreibung: "Das darf man nicht mit Politik in Verbindung bringen. Das sind Leute – wenn sie nicht beim G20-Gipfel wären, dann wären sie sonst als Scheißkriminelle unterwegs."

Da loben wir uns all die Sachverständigen, die ganz genau wissen, was von all dem zu halten ist, kaum dass ein rotes Kameralicht angeht: dass nämlich der Linksextremismus schon immer unterschätzt wurde, der ebenso gnadenlos und unnachgiebig zu bekämpfen ist wie der Rechtsextremismus und der islamistische Extremismus schon immer, aber leider "von Teilen der Sozis und großen Teilen der Grünen und total die Linkspartei ..." usw. Dies sprach, von unsichtbaren Sonnen erleuchtet, der Spitzenkandidat der CSU geradewegs in die Kamera des ZDF. Die FAZ hingegen erblickt einen "faschistoiden Gewaltrausch", andererseits im selben Artikel einen "nihilistischen Kern" desselben. Wo so die Worte umeinanderpurzeln, darf der "geistige Brandstifter" nicht fehlen und all die anderen Vokabeln aus dem Schatzkästlein der Schuldzuweisung. So offenkundig albern die Behauptung ist, Gewalttaten von Angehörigen des sogenannten schwarzen Blocks hätten nichts mit Politik zu tun, so abwegig ist die Behauptung, die Gewalttaten seien "das Waterloo der Linksliberalen" (FAZ) gewesen.

Frühschicht der Demokratie

Polizei. Polizei! Polizeiführer, Innensenatoren, Einsatzleiter, Hundertschaften, Aufklärer, Bundespolizisten. Bürgermeister Olaf Scholz, so viel ist ihm selbst klar, hat überhaupt nichts falsch, sondern alles richtig gemacht. Er hat einen heldenhaften Kampf gezeigt. Er hat, frei nach Martin Schulz, "mit seinem Körper, mit seinem gesamten Einsatz, teilweise mit seinem Augenlicht unsere Demokratie verteidigt". Das Zitat ist geringfügig verfälscht oder sagen wir: Es ist eine dramaturgische Verdichtung. Das mit dem teilweisen Augenlicht waren nämlich die Heldinnen und Helden, Beamtinnen und Beamten, Polizistinnen und Polizisten, Einsatzleiterinnen und Einsatzleiter, Pilotinnen und Piloten, Kolleginnen und Kollegen. Mit dem Augenlicht die Demokratie verteidigen ist, das muss Frau Schausten einräumen, ein starkes Bild. Außerdem hat Olaf Scholz, wie wir erfuhren, fast die ganze Neunte Sinfonie lang Herrn Nagano nicht betrachten können, weil er seine E-Mails checken musste, was beim spontanen ersten Interview nach der Ode an die Freude zu einer gewissen Bedrücktheit führte.

Wir haben viel über Helmut Schmidt und die Sturmflut lesen müssen in den letzten Tagen. Vergessen wir das Oder-Hochwasser nicht! Hier begannen große Karrieren, indem sich beherzte Norddeutsche die Gummistiefel überzogen und den Kampf gegen die Fluten in die symbolträchtigen eigenen Hände nahmen. Bis dahin ist es vom Handy-Checken in der Philharmonie noch ein Stückchen Weges.