Leider kommt man, bei aller Analysekunst der Parteizentralen, nicht drum herum, zu bemerken, dass das eine (Giganten 20) mit dem anderen (bürgerkriegsartige Zustände) etwas zu tun hat. Aber was?

Die empörten Differenzierer sagen, die Randalierer von Hamburg hätten überhaupt keine Ahnung von und auch kein Interesse an den Themen der Konferenz der 20 Giganten gehabt. Damit haben sie, was die Einzelheiten angeht, ganz überwiegend recht. Allerdings ist uns auch nicht aufgefallen, dass irgendeine(r) der Talk-, Kommentar- oder Analyse-GigantInnen ihrerseits auch nur einen Anflug von Sachkenntnis oder Interesse gezeigt hätte.

Oder können Sie sich, verehrte Börse vor Acht-Fans, an Brennpunkte erinnern, in denen Ihnen die wesentlichen Programmpunkte der "Finanzmarkt"-Diskussion der G20 vorgestellt worden wären? Wissen Sie überhaupt, welches "Format" G20 ist? Für was ist es zuständig? Unterscheidet es sich von G8 nur durch die Anzahl der gemieteten Luxushotels oder auch inhaltlich? Welche Entscheidungsvorschläge wurden der Konferenz vorgelegt? Und wozu? Wie lauten die Positionen der Giganten zur "Finanzpolitik", in deren Rachen vor zehn Jahren etwa eine Billion Euro und der Großteil Ihrer Altersvorsorge, liebe Leser, verschwunden sind? Hat man Sie irgendwann, und sei es auch nur um 23.30 Uhr bei Phoenix, über die Position Argentiniens oder Südafrikas zu Ziffer fünf der Tagesordnung informiert? Oder wenigstens über die der Europäischen Union?

Wenn nicht: Nun gut. Aber hatten Sie nicht, liebe Leser, gelegentlich auch den überwältigenden Eindruck, dass Bataillone von Schwätzern all dies genauso wenig wissen wie Sie selbst? Oder denken Sie, einer der total berühmten ModeratorInnen der "Was wird Trump zu Putin sagen?"-Formate könnte Ihnen erklären, was unter "Freihandel" zu verstehen ist, verstanden wird oder im Einzelnen streitig sein könnte und vor allem: was er bedeutet?

Was ist das überhaupt: "Freihandel"? Und was ist das: "Protektionismus"? Warum eigentlich ist das eine supergut und das andere superschlecht? Und vor allem: für wen? Sind die sogenannten populistischen Bewegungen rund um die Welt, mit Donald Trump an der Spitze, allesamt nur Zusammenrottungen von Vollidioten, die das Offensichtliche nicht sehen können?

Da müsste man unter Umständen zugeben, dass man selbst auch nicht wesentlich schlauer ist als die Vermummten, denen die Welt aus Gut und Böse besteht und die auf die Frage nach dem Grund nur ein vages Gefühl von "Ungerechtigkeit" angeben. Das wiederum eint sie ja mit den Giganten der Gipfel, die völlig gewaltfrei zu jeder Zeit bekunden, es liege ihnen vor allem an der "Bekämpfung" von Ungerechtigkeit in eben der Welt, deren Herrscher sie doch sind.

Nun gut: Diese Frage auf das Problem zu reduzieren, dass "wir hier" und die "Bullen da drüben" sind, ist ein bisschen arg unterkomplex und eine ohne Zweifel erbärmliche Durchdringung. Sie unterscheidet sich nicht von jener, die die Welt in "wir hier" und "Fremde da" aufteilt. Sie ist im Übrigen, das liegt auf der Hand, eine spezifische soziale Erscheinung des unermesslichen Reichtums, in dem wir im Weltvergleich leben. Die "Vermummten" aus dem Schanzenviertel oder Kreuzberg entspringen eben gerade nicht jener Armee von Verzweifelten aus den Slums von Mumbai oder Lagos, der anzugehören sie sich in pubertärer Verkennung wähnen. Sie sind nicht die Avantgarde des globalen Lumpenproletariats, die Uwe Mundlos oder Andreas Baader so gern anführen wollten. Sondern eine penetrant weinerliche und viel zu oft besoffene Simulation derselben. Die rauschhaften Nächte, da die Putztruppe des Arminius in den germanischen Wäldern all die Legionen des römischen (aber jedenfalls gelbhaarigen) Weltbeherrschers massakrierte, endeten schon damals verkatert an der Stechuhr in Rüsselsheim.

Dimensionen des Schreckens

"Eine neue Qualität von Gewalt." Kommt Ihnen, verehrte Leser, diese Formulierung bekannt vor? Ich bin sicher, dass ich sie in den letzten Jahren zehnmal gelesen habe. Was genau soll jetzt die "neue Qualität" sein? Laserpointer gegen Hubschrauber? Gehwegplatten und Pflastersteine vom Dach eines Hauses auf Polizeifahrzeuge? Stahlkugeln aus Präzisionsschleudern? Brandflaschen gegen Wasserwerfer? Wahllose Zerstörung fremder Sachen, Plünderungen? Nichts davon ist neu, und "qualitativ" unbekannt schon gar nicht.

Es handelt sich, fürchte ich, bei den auch diesmal wieder aus der Festplatte gezogenen Formulierungen der Betroffenheit bloß um Vokabeln aus der Mottenkiste unserer Fernseh-Tanten. Anne Will am Rande von Armageddon, Dunja Hayali auf der Seite des Friedens und so weiter. Tausendmal geübt, tausendmal ist nichts passiert: Liebe Zuschauer, wir fassen es nicht, wir haben schon ganz andere Massaker ohne Achselschweiß moderiert.

Maschinen der Meinungsproduktion, tausendmal mächtiger als jedes "Netzwerk" von Dummköpfen. Am Abend des angeblich größten aller denkbaren und in 50 Jahren Deutschland nie erlebten Sicherheitsdesasters wird nicht das Testbild ausgestrahlt oder die Nationalhymne gespielt. Vielmehr treffen sich, liebe Zuschauer, in der ARD, einem der 20 meistgezappten Kanäle, der unzweifelhaft verantwortliche Politiker Scholz, der verantwortungsfreie Politiker Altmaier, der ewige Sachverständige Kornblum (nicht Kissinger) sowie ein Abgesandter aus der angeschwollenen Schar der Schanzenviertel-Experten, der Journalist Restle. Sodann ein minutenlanges Leitungsproblem. "Wir entschuldigen die Störung": Kim Jong Un vermutlich. Tagelange Erregung. Am Morgen nach der Talkshow zum Unfassbaren: Konferenz über die Einschaltquote.