Die Straße St. Pauli Fischmarkt ist eine Falle. Vom bekannten Hamburger Fischmarkt aus führt sie in Richtung der Landungsbrücken. Links erhebt sich steil der Elbhang, davor stehen einige hohe Häuser. Rechts zum Fluss hin hat die Stadt einen Hochwasserschutzdeich errichtet, der als Promenade ausgebaut ist. Wie ein breiter Hohlweg führt die Straße zwischen Hang und Deich hindurch. Wenn man viele Menschen festsetzen will, ist das ein guter Ort dafür. Wenn man sie angreifen will, dann auch.

Niemand kann so genau sagen, wer diese Falle gestellt hat. Die Hamburger Polizei den Teilnehmern der Demonstration Welcome to Hell? Die Planer des Protestzugs sich selbst? Oder war es gar keine Falle, weil alle Beteiligten von vornherein davon ausgingen, dass dieser Demonstrationszug nicht sehr weit kommen wird – weil ohnehin alle Seiten die Konfrontation suchten?

Als Welcome to Hell am Nachmittag um 16 Uhr beginnt, brennt die Sonne auf den Fischmarkt. Tagelang hatte es geregnet, geschüttet sogar, als wollte der Himmel den ganzen G20-Gipfel und allen Protest aus der Stadt spülen. Nun strahlt er blau. Einige Hundert Menschen sind schon da, viele sitzen mit Kaffee und Bier im Schatten der umliegenden Häuser. Auf der Elbe kräuseln sich muntere Wellen.

Eine Band macht Musik, Verpflegungswagen geben Salat und Couscous aus, ein älterer Mann mit Schiebermütze bietet Kaffee und Tee gegen Spende an. An der Fischauktionshalle, die den Markt im Süden zur Elbe hin begrenzt, hocken Menschen auf dem Boden und bemalen Protestschilder: "Unsere Solidarität gegen Repression", "PKK-Verbot aufheben", "Hier Schilder malen". Wer keine Idee für einen Spruch hat, kann auch eine hochgereckte Faust aus weißer Pappe bekommen. "Rent a Protest", steht am Korb.

Donald Trump? Die Menge reagiert träge

Wenig deutet darauf hin, dass dies hier die gewalttätigste Demonstration des Gipfelwochenendes werden könnte, wie die Hamburger Behörden ein ums andere Mal warnten. Eher ist es ein Happening. Auf der Bühne sprechen Menschen aus Mexiko, Russland und den USA über Unterdrückung und gegen den Kapitalismus. Doch selbst als der Name Donald Trump fällt, reagiert die Menge träge. Erst Minuten später ertönt ein einsamer Ruf: "Fuck Trump". Die Sonne, die Musik, das Bier. Einen Moment lang fragt man sich, warum die Polizei in allen Seitenstraßen Wasserwerfer aufgefahren hat und Hundertschaften in Stellung bringt, die in ihrer schweren Montur vor sich hin schwitzen.

Irgendwann beginnen die Organisatoren, Schlachtrufe mit der Menge zu üben: "A, Anti, Antikapitalista". Die Antwort ist eher verhalten. Schließlich rührt sich eine Trommel, das hilft. Dann gibt es Verhaltensanweisungen. Nicht zu viel Alkohol trinken, man werde noch einen klaren Kopf brauchen. Sollte es zu Rangeleien mit der Polizei kommen, soll man Ketten bilden.

Wer Anzeichen dafür sucht, dass mehr geschehen wird als lauter Protest, muss schon genau hinschauen. Da sind Leute mit Gasmasken und schwarzen Helmen in der Menge. Da ziehen einige junge Frauen uniforme schwarze Regenjacken aus einem Rucksack, dazu Sonnenbrillen. Da streifen sich Männer Sturmhauben über und schlagen die Kapuzen hoch. Das sind wohl die "organisierten Strukturen", von denen Andreas Blechschmidt spricht, der Anmelder von Welcome to Hell, als er alle einlädt, sich dem Protestzug anzuschließen.

Kurz erklärt - Wer gegen G20 auf die Straße geht Sie zelten, fahren auf der Alster und feiern gemeinsam gegen G20, aber die Demonstranten in Hamburg wollen nicht alle dasselbe. Was sie antreibt und was sie unterscheidet, erklären wir im Video.

Dann werfen die drei Lautsprecherwagen die Motoren an, der schwarze Block der Autonomen formiert sich und biegt in jene enge Straße ein. Eigentlich soll es über die Reeperbahn und in einem großen Bogen bis etwa 300 Meter an die Messehallen heran gehen, wo der G20-Gipfel stattfindet. Doch der Zug kommt nur wenige Hundert Meter weit, gerade bis zu einer Fußgängerbrücke. Dort stellen sich ihm drei Wasserwerfer in den Weg. Am Straßenrand stehen Hundertschaften mit aufgesetzten Helmen in Zweierreihen.

Die Polizei hatte mehrfach angekündigt, sie werde keine Vermummungen dulden. Schon als der Zug vom Fischmarkt aufbricht, ziehen sich Dutzende die schwarzen Schals vors Gesicht. Einer trägt eine Guy-Fawkes-Maske.

Keine Sprechchöre, angespanntes Warten

Das ist der Moment, auf den beide Seiten gewartet haben. Musik dröhnt aus den Lautsprechern, doch die Autonomen verhalten sich ruhig. Keine Sprechchöre sind zu hören. Fast vierzig Minuten angespanntes Warten.

Dann greift die Polizei an. Die Beamten haben es auf die schwarze Gruppe hinter dem dritten Lautsprecherwagen abgesehen. Sie drängen sie gegen die Deichmauer. Schlagstockeinsatz. Reizgas. Der Wasserwerfer fegt Leute auf der Promenade um, wo Hunderte Schaulustige das Geschehen beobachtet hatten. Flaschen werden geworfen, Böller auch, ein Nebelgranate fliegt in den Pulk der Polizisten, gelber Rauch steigt auf.

Alle laufen, rennen, hierhin, dorthin

Autonome klettern auf die Promenade, die Zuschauer fliehen auf die andere Seite der Mauer, wo sich zur Elbe hin ein gepflasterter Parkplatz erstreckt. Es knallt. Wieder Reizgas. Jetzt stürzen auch schwarz Vermummte die Treppen Richtung Fluss hinunter. Als die Polizisten ihnen folgen, bricht in der Menge Panik aus. Plötzlich laufen, rennen alle, hierhin, dorthin. Doch die Menschen wissen nicht, wohin sie fliehen sollen. Manche retten sich bis hinunter auf die Uferbefestigung, andere erklimmen ein russisches Museums-U-Boot, das hier verankert liegt. Einige Jugendliche ziehen sich auf einen Anleger der Hafenfähren zurück. Ein Mädchen weint, sie hat sich am Bein verletzt. Ein älteres Paar beobachtet fassungslos, was da geschieht.

Später werden Polizisten berichten, sie seien mit Latten und Flaschen angegriffen worden. Und die Polizei wird auf Twitter schreiben: "Wir stellen ca. 1.000 vermummte Personen im Aufzug fest. Friedlicher Protest sieht anders aus." Zu diesem Zeitpunkt haben sich am Fischmarkt wohl 12.000 Demonstranten versammelt.

Dann beendet der Veranstalter die Demonstration offiziell. Der schwarze Block ist zersprengt. Am Brunnen auf dem Fischmarkt spülen sich Verletzte die gereizten Augen aus. Einige Demonstranten ziehen sich in die umliegenden Straßen zurück.

"Das ist doch mal 'ne Demo"

Doch viele bleiben. Sie sind nicht schwarz gekleidet, sondern bunt, standen noch auf dem Fischmarkt und der anliegenden Breiten Straße. Nun formieren sie sich neu. Eine Sambagruppe führt sie an. Aus dem Lautsprecherwagen dröhnt Techno. Die Menge klatscht und tanzt. Die Polizei lässt die Demonstration auf der alten Route langsam weiterlaufen. "Das ist doch mal 'ne Demo", tönt es aus einem Polizeilautsprecher.

Viele Jugendliche sind darunter. Als die Polizei den Zug kurz vor den Landungsbrücken abermals anhält, erklettern einige von ihnen die Dächer der Schuppen, die hier zur Elbe hin stehen. Sie schippen Regenwasser auf Polizisten, die unten vorbeilaufen. Doch das scheint die Beamten nicht zu stören, so wenig wie die schwarz Vermummten, die wieder in der Menge auftauchen.

Es dauert lange, bis die Polizei die Strecke freigibt. Doch dann geht es plötzlich ganz schnell. Die Hundertschaft, die vor der Zugspitze herläuft, kann kaum so schnell marschieren, wie die Demonstranten nachdrängen, den Hang hinauf nach St. Pauli zur Reeperbahn.

Dort trifft die Menge von den Landungsbrücken auf versprengte Demonstranten, die sich in der Hafenstraße zu einem zweiten Zug zusammengeschlossen haben. An der Davidwache kommen weitere Gruppen hinzu, bis der Zug schließlich am Ende der Reeperbahn mit einer dritten Demo zusammentrifft.

Neuer Protest "gegen Polizeigewalt"

Aber worum geht es hier eigentlich noch, wie weit sollen sie ziehen, wo soll die Demonstration enden? Ein neues Motto ist schnell gefunden, nun geht es "gegen die Polizeigewalt und die Hamburger Verhältnisse". Laufen will man den ehemals für die Welcome-to-Hell-Demo geplanten Weg.

Der neue Protestzug ist bunt und wild, aber friedlich. Vereinzelt hört man Sprechchöre. Irgendwoher taucht das Leittransparent "Welcome to Hell" wieder an der Spitze auf. Immer mehr Menschen kommen dazu, jetzt sind auch viele Fahrradfahrer dabei. Doch dann, kurz vor Mitternacht, eskaliert es wieder. Die Demonstration hat die Rote Flora erreicht, das Autonomen-Zentrum im Schanzenviertel. Dort brennen Barrikaden. Wieder Flaschen, wieder Schlagstöcke und Wasserwerfer. Geruch und Atemwegen nach zu urteilen auch Pfefferspray. Dann ist die Demonstration zu Ende.

Fünfzehn stark verletzte Beamte meldet die Polizei, dazu eingeschlagene Scheiben und beschädigte Einsatzfahrzeuge. Bis in die Nacht sind in der Stadt Sirenen zu hören. Doch wenn das die gefährlichste Demonstration war, die Hamburg zu erwarten hatte, dann hat die Stadt sie recht gut hinter sich gebracht.

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Mitarbeit: Frank Drieschner, Holger Stark, Alexander Tieg