Die politischen Gespräche beim G20-Gipfel in Hamburg werden von Gewaltexzessen überschattet. In der Nacht zum Samstag eskalierten die Proteste im Schanzenviertel, die Polizei ging mit einem massiven Aufgebot gegen Randalierer vor. Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte die Ausschreitungen. Angesichts der Gewalteskalation gab es erste Kritik daran, ein solches Spitzentreffen der Wirtschaftsmächte überhaupt in einer Millionenstadt wie Hamburg abzuhalten.

Gegen Mitternacht rückte die Polizei mit Spezialkräften gegen tausende Randalierer nahe der Straße Schulterblatt im Schanzenviertel vor. Die Beamten forderten Unbeteiligte auf, sich zu entfernen und kündigten ein "konsequentes Vorgehen" gegen die Straftäter an. Mit gepanzerten Fahrzeugen wurden Barrikaden weggeschoben, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Wasserwerfer waren im Einsatz. Einsatzkräfte drangen in Häuser ein und standen auf Dächern. Über dem Viertel kreisten zwei Hubschrauber mit Suchscheinwerfern. Die Polizei versprühte auch Tränengas. 

Viele Randalierer verschwanden daraufhin in Seitenstraßen, wo sie weiterzündelten. Das Geschehen verlagerte sich anschließend vor den U-Bahnhof Schlump sowie nach St. Pauli und Altona, wo bis tief in die Nacht hinein Barrikaden errichtet wurden. Der S-Bahnverkehr in der Hamburger Innenstadt bleibt über Nacht unterbrochen.

Polizei befürchtete Angriffe mit Molotow-Cocktails

Die Gefährdung sei erheblich gewesen, begründete die Polizei anschließend auf Twitter ihr Vorgehen. Es habe Hinweise darauf gegeben, dass Angriffe mit Molotow-Cocktails, Zwillen und Wurfgegenständen vorbereitet worden seien. 

Bei den Krawallen wurden nach Polizeiangaben vom Freitagabend 197 Beamte verletzt, darunter seien keine Schwerverletzten. Zur Zahl der verletzten Demonstranten konnten weder Polizei noch Feuerwehr Angaben machen. Ein Feuerwehrsprecher sagte, die Demonstranten hätten eigene Sanitäter dabei, sodass sie in vielen Fällen nicht auf fremde Hilfe angewiesen seien.

Zur Zahl der abgebrannten Autos konnte die Polizei keine Angaben machen, die Feuerwehr sprach von einigen Dutzend.

Polizeisprecher Zill sagte dem Sender N24, bei den Auseinandersetzungen seien bislang 100 Menschen in Gewahrsam genommen worden. Inzwischen gäbe es auch einige Haftbefehle. Der anwaltliche Notdienst kritisierte, dass er kaum Zugang zu den Festgenommenen bekomme. Polizei und Justiz behinderten ihre Arbeit massiv, schrieben die Anwälte, die den Notdienst anlässlich der G20-Proteste gebildet hatten. Gestern hätten sie ihre Mandanten in der sogenannten Gefangenensammelstelle (Gesa) gar nicht sprechen können, inzwischen seien Gespräche in geringem Umfang möglich. Sie gehen von "etwa 150" Aktivisten in Gewahrsam aus.

Merkel kritisierte am Nachmittag, Proteste mit Angriffen auf Polizisten und Brandstiftungen seien "nicht zu akzeptieren". Ähnlich äußerte sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. "Brutale Gewalt hat auf unseren Straßen nichts verloren", betonte Steinmeier in der Bild-Zeitung. "Sie hat keine Rechtfertigung und kann nicht mit Verständnis rechnen." Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) sagte: "Hochaggressive, gewalttätige Straftäter bringen Sicherheitskräfte in Bedrängnis und fordern unsere offene Gesellschaft in einer Weise heraus, die für niemanden akzeptabel sein kann."

Ist Hamburg der richtige Ort für die G20?

Finanzminister Wolfgang Schäuble verteidigte die Entscheidung der Bundesregierung, den G20-Gipfel mitten in der Millionenstadt Hamburg abzuhalten. Wenn man Teilnehmer und Medienvertreter zusammenrechne, sei man bei 10.000 Menschen, sagte der CDU-Politiker in den ARD-"Tagesthemen". "Die müssen untergebracht werden. Und das geht ja nur in einer großen Stadt, die die entsprechenden Kapazitäten hat." Die "Führer der großen Staaten" müssten regelmäßig persönlich miteinander reden, dies sei "richtig, nützlich und notwendig".

Der CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl kritisierte indes die Entscheidung, das Spitzentreffen in die Hansestadt zu vergeben. "Man hätte den G20-Gipfel nie in einer Millionenstadt wie Hamburg veranstalten dürfen. Die Sicherheitslage ist dort viel zu schwer zu kontrollieren", sagte er der Bild-Zeitung.

Die Krawalle beeinträchtigten auch den Ablauf des G20-Partnerprogramms: Die Ehefrau von US-Präsident Donald Trump, Melania Trump, saß stundenlang in ihrer Unterkunft an der Außenalster fest und verpasste den Auftakt mit Hafenrundfahrt und Klimavorträgen. Ein Termin im Deutschen Klimarechenzentrum, das mitten im Demo-Bereich liegt, musste kurzfristig umdisponiert und in ein Hotel verlegt werden. Am Abend fuhren die Trumps dann ungehindert – wie die anderen Staats- und Regierungschefs auch – vor der Elbphilharmonie vor.

Wasserwerfer zur "Ode an die Freude"

Den ganzen Tag lang gab es aber auch friedliche Kundgebungen Tausender Gipfelgegner. Etwa 6.000 Demonstranten versuchten über die Straßen und auf der Elbe in die Nähe der Elbphilharmonie zu gelangen, wo die G20-Vertreter, ihre Partner und ausgewählte Gäste später am Abend Beethovens 9. Symphonie hörten. Da die Polizisten immer wieder von Randalierern angegriffen wurden, die sich zwischen die friedlich Demonstrierenden mischten, verhinderten sie den friedlichen Protest mit dem Einsatz von Wasserwerfern.

Während des Gipfels – seit Freitag um 6 Uhr und bis Samstag um 17 Uhr – gilt in Teilen der Hamburger Innenstadt ein Versammlungsverbot. Hamburgs Polizeipräsident Ralf Meyer schätzte, dass etwa 21.000 Polizisten das G20-Treffen in den Messehallen schützen. Angesichts der Krawalle hatte die Hamburger Polizei Verstärkung aus anderen Bundesländern angefordert. Meyer sprach von blinder Gewalt – einige Beamte seien mit Zwillen erheblich verletzt worden. 

Nur das Gipfelgegner-Bündnis "Block-G20" wertete die Protestaktionen als Erfolg. "Wir haben getan, was wir angekündigt haben: Tausende Menschen sind in die sogenannte blaue Zone eingedrungen", sagte Bündnissprecherin Jana Schneider. Der Gipfelablauf sei gestört worden. "Wir waren da, wo wir nicht sein sollten: auf den Zufahrtswegen und Protokollstrecken zum Gipfel."

Vertreter der am Vorabend eskalierten Welcome to Hell-Demonstration verlangten wegen deren gewaltsamer Auflösung den Rücktritt von Scholz und Grote. "Natürlich müssten aus diesen Vorkommnissen personelle Konsequenzen gezogen werden", sagte Christoph Kleine von der G20-Plattform. Er nannte auch den G20-Polizeieinsatzleiter Hartmut Dudde. "Die Polizei hat Tote in Kauf genommen." Polizeipräsident Meyer verteidigte dagegen den Einsatz. Er sei sich "absolut sicher", dass dieser verhältnismäßig gewesen sei.