Ein Schrei gellt über den Platz. Vielleicht steckt in diesem Schrei das, worauf alle hoffen. Was alle suchen, die an diesem G20-Gipfel beteiligt sind, Staatenlenker, Aktivisten, Demonstranten, Polizisten, Bürger.

Es ist ein befreiender Schrei für alle, die sich am Mittwochnachmittag auf dem Burchardplatz eingefunden haben, Zuschauer wie Künstler. Befreiend, weil sich die Spannung fast unerträglich lange aufgebaut hatte. Denn zunächst hatte der Platz vor dem Chilehaus leer da gelegen. Wo sonst Markttreiben herrscht oder Autos parken, zeugte nur eine Bühne vom kommenden Ereignis.

Doch dann tauchten in der Ferne merkwürdige Gestalten auf. Sie bewegten sich sehr langsam. Alles an ihnen war grau: Haare, Gesichter, Haut, Kleidung. Sie trugen Anzüge oder Kleider, Turnschuhen oder Gummistiefeln, die Haare zum Zopf gebunden, gescheitelt oder wirr durcheinander, mit Krawatte oder Brille, Bart oder Glatze. Doch alles an ihnen war von grauem Lehm verkrustet.

Kamen sie näher? Ja, doch es dauerte so lange, furchtbar lange. Kaum auszuhalten für diese eiligen Zeiten.

Zögernd wankten sie voran, erst Einzelne, dann wurden es immer mehr, bis sie die ganze Breite der Straße einnahmen. Einige sanken zu Boden, andere stolperten, knieten, kippten vornüber. Doch während sie zurückblieben, wankte der Rest weiter, ohne auf die Gestürzten zu achten, die Blicke entleert. Ein stiller Protest, der um sich herum alle verstummen ließ.

Hamburger Künstler haben die Performance 1000GESTALTEN inszeniert. Sie sagen, ihre zombiegleichen Gestalten stünden für Menschen, die in einer Welt leben, so komplex, dass man ihre Zusammenhänge kaum noch verstehen kann. Dieser Welt seien die Menschen hilflos ausgeliefert. So bleibe ihnen nur noch übrig, für sich selbst zu kämpfen, für das eigene Vorankommen.

Nichts verbindet die Akteure

Am Tag, bevor die G20-Festspiele beginnen, spiegeln die Gestalten aber auch, wie es um den ganzen Gipfel und den Protest dagegen steht. Tausend Gestalten sind es und alle einander sehr ähnlich. Zugleich verbindet sie nichts.  

In der Stadt baut sich gerade eine ähnliche Spannung auf, wie sie während der Performance zu spüren war. Was wird von Donnerstag an hier geschehen? Und stehen eigentlich alle für das ein, für das sie zu sprechen behaupten: die Staatenlenker für die Arbeit an den globalen Fragen; die Demonstranten für den Einsatz für die Entrechteten; die Polizei für den Schutz von Freiheits- und Bürgerrechten?

Kurz erklärt - Wer gegen G20 auf die Straße geht Sie zelten, fahren auf der Alster und feiern gemeinsam gegen G20, aber die Demonstranten in Hamburg wollen nicht alle dasselbe. Was sie antreibt und was sie unterscheidet, erklären wir im Video.