Dreieinhalb Monate nach dem spektakulären Diebstahl einer 100 Kilo schweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum hat die Polizei vier Personen festgenommen. Bei einer Großrazzia mit rund 300 Polizisten vollstreckte sie 14 Durchsuchungsbefehle, weitere Ermittlungen laufen noch.  

Ein Spezialeinsatzkommando hatte Wohnungen in mehreren Berliner Stadtteilen durchsucht. Unter anderem im Bezirk Neukölln wurde in der Thomasstraße und im Mittelweg je ein Verdächtiger verhaftet. Die Festgenommenen sind im Alter zwischen 18 und 20 Jahren und vermutlich Mitglieder einer organisierten Bande, wie Oberstaatsanwältin Martina Lamb bekannt gab. Gegen neun weitere mutmaßliche Mitglieder und einen mutmaßlichen Hehler werde ermittelt. Zwei der verhafteten Personen sollen den Diebstahl ausgeführt haben, bei einem Festgenommenen soll es sich um einen Komplizen aus dem Museum handeln.

Außerdem konnten die Polizisten vier scharfe Schusswaffen, fünf Fahrzeuge und einen sechsstelligen Geldbetrag sicherstellen.

Goldmünzen-Raub - Berliner Polizei meldet Festnahmen Im Fall um die gestohlene Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum ist gegen vier Heranwachsende Haftbefehl erlassen worden. Es ist davon auszugehen, dass Teile der Münze bereits veräußert worden sind, so Carsten Pfohl vom Berliner LKA. © Foto: Fabrizio Bensch/Reuters

Auch über den Verbleib der Münze gibt es erste Hinweise. Die Ermittler hatten neben den Wohnungen auch einen Juwelierladen in der Neuköllner Sonnenallee durchsucht, das 100-Kilo-Diebesgut fanden sie aber nicht. Am Nachmittag twitterte die Polizei Berlin, dass das Landeskriminalamt annehme, die Münze sei in Stücken oder als Ganzes verkauft worden. Carsten Pfohl, ein Mitarbeiter des LKA, sagte: "Meine Hoffnung, dass wir die Münze auch nur in Teilen finden, ist leider relativ gering." Die Möglichkeit, Goldabrieb an Kleidung oder Fahrzeugen nachzuweisen, bestehe allerdings weiter.

Der Raub

Die drei Männer kamen ganz in Schwarz, die Kapuzen ihrer Jacken tief ins Gesicht gezogen, die Köpfe nach unten gebeugt. Um drei Uhr morgens stiegen sie am 27. März 2017 die Treppen zum Bahnsteig Hackescher Markt in Berlin hinauf. Sie wussten, dass sie gefilmt werden, verdeckten ihre Gesichter noch mit ihren Händen. Der Bahnsteig war komplett leer, es fahren zu dieser Zeit keine S-Bahnen. Einer der Männer trug einen schwarzen Rucksack und lief sonderbar breitbeinig. Ein Tick? Irreführung? Oder versteckte er etwas unter seinem Hosenbein? Eine Axt zum Beispiel?

Die Männer gingen zielstrebig bis zum Ende des Bahnsteigs, dann sprangen sie auf das Gleisbett und liefen das kurze Stück bis zu jener Stelle auf der Museumsinsel, wo die S-Bahn zwischen den Bauten des Pergamon-Museums und des Bode-Museums hindurchfährt. Es gibt hier einen Mauervorsprung, über den man recht einfach an die Fassade des Bode-Museums gelangt.

Keine Gentlemen-Diebe

Die Tat ist gut geplant, die Täter hatten wohl Informationen zu den Schwachstellen in der Sicherung dieses Gebäudes. Sie drangen ein, wurden dabei anscheinend nicht bemerkt, liefen bis ins Münzkabinett des Museums, wo seit einigen Jahren eine der schwersten und teuersten Goldmünzen der Welt in einer Vitrine aus Panzerglas ausgestellt ist. Die Big Maple Leaf ist ein irres Objekt, als hätte Dagobert Duck sie sich ausgedacht. Eine Goldmünze mit dem Durchmesser eines Autoreifens, 100 Kilo schwer. Es wurden nur fünf Exemplare von der kanadischen Münze geprägt, 2007 war das.

Mit einer Axt – Modell Tomahawk, die Polizei findet später den abgebrochenen Stiel aus schwarzem und gelbem glasfaserverstärktem Plastik – hackten sie die Vitrine auf. Hier waren keine eleganten Gentlemen-Diebe zu Gange. Hier wurden schweres Werkzeug und rohe Muskelkraft eingesetzt.

Als die Goldmünze 2010 als Leihgabe eines Privatmannes im Bode-Museum installiert worden war, mussten sie vier Männer mithilfe eines Tragebalkens bewegen. Die Täter haben einen sogenannten Transporthund mitgebracht, ein flaches Brett mit Rollen, um die Riesenmünze wieder bis zu jenem Fenster zu bewegen, durch das sie eingestiegen waren. Von dort ging es auf den S-Bahn-Gleisen weiter mit einem Schubkarren, dann wurde die Münze von den Hochgleisen auf einen Weg geworfen – oder fiel aus Versehen hinunter. Es finden sich später jedenfalls Goldspuren an der Stelle des Aufpralls.

Die Diebe sind Banausen

Die Diebe sind Banausen, im Bode-Museum lagern viel größere Kunstschätze, die sie – glücklicherweise – links liegen ließen. Den von Tilman Riemenschneider aus Holz geschnitzten Evangelisten Lukas etwa, oder einen von Pietro Bernini aus Marmor gehauenen Satyr mit Panther und Weintrauben. Auch die Münze hat wegen ihrer Seltenheit einen gewissen Sammlerwert, es überwiegt aber der Materialwert des Goldes. Seit dem Einbruch Ende März ist der Kilopreis zwar um rund acht Prozent gefallen, die Münze wäre jetzt trotzdem noch rund 3,5 Millionen Euro wert. Wenn sie denn ganz erhalten ist, und nicht in kleinere, leichter zu transportierende und zu verkaufende Mengen zerteilt worden ist, wie es von zahlreichen selbsternannten Experten in den vergangenen Wochen befürchtet wurde.

So simpel ist es jedoch nicht, eine solche Goldmenge in kleine Barren umzugießen. Es braucht dafür spezielle Öfen und Hilfsmittel. In einer Teflonpfanne auf einem üblichen Cerankochfeld bekommt man die Riesenmünze jedenfalls nicht klein.

Nicht nur die Tat war filmreif, auch die nun festgenommenen mutmaßlichen Täter stammen laut Informationen von ZEIT ONLINE aus einem telegenen Milieu: das des arabischen Familienclans, dem sich erst kürzlich die vielbeachtete Fernsehserie 4 Blocks widmete. Die nun Verdächtigen sollen zu dem Umfeld einer dieser weitverzweigten Familien gehören.

Mitglieder solcher Clans waren schon in der Vergangenheit durch brutale Einbrüche aufgefallen. So stiegen etwa an einem Wochenende im Oktober 2014 vier Männer in eine Sparkasse am Mariendorfer Damm ein und brachen in stundenlanger Arbeit über 300 Schließfächer im Keller der Bank auf. Es wurden Bargeld, Schmuck und Goldbarren im Wert von knapp zehn Millionen Euro gestohlen. Vor ihrer Flucht verschütteten die Täter Benzin, um Spuren zu vernichten. Dabei kam es zu einer gewaltigen Explosion, eine Wand stürzte ein, der Kassenraum der Bank wurde komplett zerstört, es entstand ein millionenschwerer Sachschaden. Durch die Explosion wurde auch ein Täter verletzt; er konnte nach einer intensiven Fahndung in Italien festgenommen werden und wurde später zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Die Beute blieb damals verschwunden.

Anfang Juli hatte die Polizei Aufnahmen einer Überwachungskamera veröffentlicht, auf der verdächtige Personen zu sehen waren.