Mit einem Autobus sind Imame aus ganz Europa zu einer Tour an Orte islamistischen Terrors aufgebrochen – Berlin, Brüssel-Maelbeek, Saint-Étienne-du-Rouvray, Paris, Toulouse, Nizza. Initiiert wurde dieser "Marsch der Muslime gegen den Terrorismus" von einem ausgesprochen liberalen Pariser Imam, Hassen Chalghoumi, und dessen jüdischen Freund, dem Künstler Marek Halter. Gemeinsam wollen sie an den Tatorten beten und hoffen, dem Terror ein positives Bild des Islam entgegensetzen zu können. Etwa 60 Imame fahren mit. Ziel der Reise ist Frankreichs Hauptstadt Paris, pünktlich zum französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli.

Der Berliner Imam Taha Sabri hat sich mit auf den Weg gemacht. Seine Dar As-Salam-Moschee tritt als "Neuköllner Begegnungsstätte" für einen offenen Islam ein, auch Juden und Christen sind hier oft zu Besuch. Andere Gäste jedoch fielen in der Vergangenheit dem Verfassungsschutz negativ auf.

ZEIT ONLINE: Herr Sabri, am Sonntag haben Sie in Ihrer eigenen Stadt Berlin die Teilnehmer des Marschs der Muslime begrüßt. Auch Vertreter anderer Konfessionen nahmen an Ihrem Gebet am Breitscheidplatz teil. Wie haben Sie diesen Auftakt des Marsches erlebt?

Taha Sabri: Mir hat das viel Kraft gegeben, zu sehen, dass wir in der Lage sind, etwas zu bewegen und unsere eigenen Bilder des Islam in die Welt zu senden. Es war ein Moment des Zusammenhalts auch unter uns Imamen. Wir erleben heutzutage Druck von zwei Seiten. Einerseits gibt es Menschen in unseren Gemeinden, die uns als Kollaborateure bezeichnen, die nicht für die Sache des Islam einstehen. Von dieser Minderheit kommen verbale Attacken, weil wir in manchen Veranstaltungen mit Nichtmuslimen kooperieren. Andererseits denkt die Gesellschaft wiederum von uns, wir würden in unseren Moscheen Terror produzieren und Hass predigen. Wir werden gefordert, aber nicht gefördert. Es war also beeindruckend, beim Gebet am Breitscheidplatz die Einheit zwischen uns sunnitischen Imamen aus Deutschland, Frankreich, Afrika, Spanien, Portugal und weiteren Ländern zu erleben.

ZEIT ONLINE: "Das hat nichts mit dem Islam zu tun" ist eine der Botschaften, die viele Muslime in den Tagen nach London und Manchester in den sozialen Netzwerken teilten. Sie wollen jede Beziehung dieser Tat mit ihrer Religion ausschließen. Was haben die Anschläge der vergangenen Monate denn mit Ihrem Islam zu tun, Herr Sabri?

Sabri: Ich kenne diese Stimmen, die sich nicht ständig wieder äußern wollen auch aus meiner Gemeinde und verstehe die Müdigkeit meiner Glaubensbrüder. Man muss jedoch auch anerkennen, dass diese Terroristen mit ihren Gewaltakten Bilder über meinen Islam in der Welt verbreiten: Islam ist Terrorismus, Islam ist Blut, Islam ist Gewalt. Wir müssen beweisen, dass wir noch stärkere Bilder erzeugen können. Natürlich hat die faschistische Ideologie und deren paar Koranverse ohne Kontext nichts mit meiner Religion zu tun. Aber am Ende benutzt sie meine Religion und ich bin ihr diesen Protest schuldig, um sie vom Islamismus zu befreien.

Religion - Fünf Fragen an den Islam © Foto: ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich dann, dass nur so wenige Muslime den Aufrufen von Lamya Kaddor in Köln folgten und zum muslimischen Friedensmarsch erschienen? Mit 10.000 rechnete man, es folgten nur 1.000.

Sabri: Die Organisatoren und Dachverbände waren unterschiedlicher Ansicht, wie wichtig so ein Marsch ist, deswegen wurde nicht genug dafür geworben. Etwas Ähnliches habe ich bei der Organisation des Marsches jetzt auch erlebt: Wir haben viele muslimische Verbände angeschrieben, aber von vielen, unter anderem auch DITIB, gab es einfach keine Rückmeldung. Es ist eine Kunst, diese Organisationen zusammenzubekommen und der eine will nicht mit dem anderen und andersrum. Das liegt an Glaubensunterschieden und jeweiligen Interessenlagen. Aber wir müssen es einfach immer wieder versuchen, auch wenn es schwierig ist. Nicht müde werden, vor allem als kleine Gemeinde.