Mehr als zwei Jahre nach der Tat ist der Prozess um den ermordeten russischen Oppositionspolitiker und früheren Vize-Ministerpräsidenten Boris Nemzow beendet. Nachdem ein Militärgericht in Moskau Ende Juni die Angeklagten schuldig gesprochen hatte, wurde nun das Strafmaß für die fünf Männer aus den Teilrepubliken Tschetschenien und Inguschetien festgelegt: Der Haupttäter muss 20 Jahre in Haft, die vier anderen Verurteilten zwischen elf und 19 Jahre. Zudem belegte der Richter die Angeklagten aus dem russischen Nordkaukasus mit Geldstrafen von jeweils 100.000 Rubel (knapp 1.500 Euro).

Der führende Oppositionelle Nemzow war am 27. Februar 2015 nachts auf einer Brücke in der Nähe des Kremls erschossen worden. Die fünf Verurteilten sollen die Tat als Auftragsmord ausgeführt und dafür 15 Millionen Rubel (etwa 230.000 Euro) erhalten haben. Die Männer hatten nach ihrer Festnahme Geständnisse abgelegt, diese im Prozess aber widerrufen und sich für unschuldig erklärt. Als Auftraggeber wurde im Dezember 2015 der Tschetschene Ruslan Muchudinow identifiziert, der jedoch weiterhin flüchtig ist. 

Der Mord an Nemzow hatte weltweit Bestürzung ausgelöst. Der 55-Jährige war von 1997 bis 1998 unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin stellvertretender Ministerpräsident und galt als Favorit für dessen Nachfolge an der Spitze des Staates. Dann aber nominierte Jelzin den früheren KGB-Beamten Wladimir Putin, der auch von Nemzow zunächst unterstützt wurde. Dann aber wandte sich Nemzow ab und wurde im Lauf der Jahre zu einem der prominentesten und hochrangigsten Gegner des russischen Präsidenten, dem er unter anderem in einem Interview mit der ARD Clanwirtschaft und die Bildung eines "Mafiastaates" vorgeworfen hat. Zuletzt kritisierte er die russische Ukraine-Politik als innenpolitisch motiviertes Ablenkungsmanöver des Kreml.

Die Familie des Toten sowie oppositionelle Aktivisten und die kritische Presse in Russland vermuten einen politischen Hintergrund des Mordes und werfen den Behörden vor, die eigentlichen Hintermänner der Tat nicht ermittelt zu haben. Sie vermuten, dass der eigentliche Auftraggeber der autoritäre tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow oder jemand aus dessen Umfeld ist. Die fünf Verurteilten haben allesamt Verbindungen zu tschetschenischen Sicherheitsbehörden.

Für Nemzows Tochter Schanna Nemzowa sind die Verurteilten lediglich "fünf Mitwirkende im Mord an meinem Vater"; der Fall, so schrieb sie es Ende Juni auf Facebook, bleibe aber ungelöst. "Die Ermittler und das Gericht haben ausdrücklich nicht versucht, die Wahrheit über das begangene Verbrechen herauszufinden." Unter anderem sei ihr Antrag abgelehnt worden, Kadyrow und andere Funktionäre vorzuladen. "Ich habe nichts anderes von den Ermittlern und Gesetzeshütern in Russland erwartet." Ihr Anwalt sagte, diejenigen, die das Verbrechen angeordnet und organisiert hätten, hätten nicht auf der Anklagebank gesessen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow entgegnete, der "Fall gehört zu den schwierigsten", der Ermittlungsprozess dauere manchmal Jahre.