Der Anfang vom Ende war zum Greifen nah: Journalisten aus ganz Deutschland und dem Ausland reisten am vergangenen Mittwoch nach München, um den Beginn der Plädoyers im NSU-Prozess zu verfolgen – und damit das nahende Ende dieses Mammutprozesses. Den Termin hatte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl am Tag zuvor überraschend festgelegt. Auch Angehörige der NSU-Mordopfer hatten sich auf den Weg zum Oberlandesgericht gemacht.

Aber alle kamen umsonst: Weil mehrere Verteidiger beantragten, das Plädoyer der Anklage auf Tonband aufzuzeichnen, vertagte sich das Gericht für die Entscheidung darüber – bis zu diesem Dienstag.

Der Fall zeigt, wie kompliziert das Verfahren gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ist, das seit mittlerweile mehr als vier Jahren läuft. Viele Menschen haben längst das Interesse verloren – obwohl es um einen Fall geht, der Deutschland in seinen Grundfesten erschüttert hat: der mutmaßliche Serienmord an neun Migranten und einer Polizistin durch eine neonazistische Untergrund-Terrorgruppe, deren einzige Überlebende in München vor Gericht steht.

Wer ist angeklagt, um welche Vorwürfe geht es? Wie weit ist das Urteil noch entfernt? Was sind die weiteren Schritte? Antworten auf die wichtigsten Fragen vor den Plädoyers:

Um welche Taten geht es?

Insgesamt 22 Stunden über mehrere Tage soll der Schlussvortrag der Bundesanwaltschaft dauern, die die Anklage vertritt. Das Plädoyer ist auch deshalb so umfangreich, weil neben der Hauptangeklagten Beate Zschäpe (42) noch vier weitere Angeklagte vor Gericht stehen.

Der NSU verübte zwischen 2000 und 2007 Morde an acht Türken, einem Griechen und einer deutschen Polizistin, zwei Bombenanschläge in Köln mit über 20 Verletzten und 15 Raubüberfälle, mit denen das Trio seinen Lebensunterhalt bestritt. Täter waren laut Anklage stets Zschäpes Mitbewohner Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die sich vor ihrer drohenden Festnahme und Bekanntwerden des NSU 2011 das Leben nahmen. Jahrelang hatten sie im Untergrund wirken und morden können, obwohl es schon längst Hinweise auf sie gab. Doch Polizei und Verfassungsschutz vermuteten die Täter eher in migrantischen kriminellen Kreisen.

Weil Zschäpe ihnen das unauffällige Leben im Untergrund ermöglichte und in die Taten eingeweiht gewesen sein soll, ist sie als Mittäterin angeklagt – und kann damit bestraft werden, als hätte sie selbst gemordet. Zudem zündete sie am 4. November 2011 die Zwickauer Wohnung des Trios an, nachdem Mundlos und Böhnhardt Selbstmord begangen hatten.

Ralf Wohlleben (42) und Carsten S. (37) sollen dem NSU die Mordwaffe Ceska 83 beschafft haben, die bei neun der Morde zum Einsatz kam. Wohlleben streitet seine Mithilfe ab, S. gestand sie zu Prozessbeginn. Er kann sich Hoffnung machen, nach Jugendstrafrecht milder verurteilt zu werden.

NSU-Mord an Halit Yozgat - Forscherteam zweifelt an Aussage des Ex-Verfassungsschützers Temme © Foto: Forensic Architecture