Die Fußball-Bundesliga hat Pause. Vereine geben Spieler ab, verpflichten andere neu. Manchmal laufen Verträge einfach aus. Man trennt sich: für Profis ein normaler Vorgang. Nicht für die katholische Kirche. Ihre Ekklesiologie legt mit einigem Begründungsaufwand Wert auf die Feststellung, dass sie hierarchisch verfasst sei. Sie verfügt über eine Leitung mit Entscheidungskompetenzen, die der Papst einsetzt. Eigentlich.

Gerade hat das Oberhaupt der katholischen Kirche von seiner Handlungsvollmacht Gebrauch gemacht. Auf eine eher dezente Weise. Schließlich hat er einen seiner wichtigsten dogmatischen Spieler nicht entlassen, sondern ihm – altersgerecht mit 69 Jahren – Zeit für das gegeben, was einem Bischof und ehemaligen Dogmatik-Professor am Herzen liegt: geistliche Besinnung und theologische Reflexion. Kardinal Gerhard Ludwig Müller scheidet als Präfekt der Glaubenskongregation aus. Er hat seit geraumer Zeit nicht auf der Siegerseite gespielt. Müller gehört zu den Verlierern des kirchlichen und theologischen Paradigmenwechsels, den Papst Franziskus mit immer klarerem Profil vollzieht.

Trotzdem kommt der Wechsel auf dieser Position nach fünf Jahren einer kirchlichen Revolution gleich. Das betrifft weniger die Person des Präfekten als die Strategie, die sein Chef verfolgt. Gerade deshalb zeichnete sich dieser Abschied schon länger ab. Spätestens als der Kardinal sich festlegte, dass weder Tebartz-van Elst seinen Limburger Bischofsstuhl räumen noch eine Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion kommen werde, und ihn die Entscheidungen des Papstes öffentlich brüskierten, hatte er seinen Kredit verspielt.

Dass er am Ende der Regie der Bischofssynode folgte, war ein Akt der Loyalität zum Papst, die ihn im Amt hielt, aber theologisch gebrochen wirkte. Mit Müller konnte der Fußball-Experte Franziskus sich keinen Durchbruch zu einem kirchlichen Spielstil vorstellen, der auf pastorale Offensive setzt. Dabei war nicht einmal die dogmatische Defensive überzeugend; dafür war sie zu sehr auf das geschlossene Kirchensystem der alten societas perfecta getaktet, die ihre Plausibilitäten aus dem Innenraum der eigenen Tradition bezog.

Nachfolger aus der zweiten Reihe

Der Papst hat mit der Ernennung von Müllers Nachfolger einen konsequenten Schritt unternommen. Er setzt auf einen Mann aus der zweiten Reihe, den spanischen Erzbischof Luis Francesco Ladaria Ferrer. Für die Person ein Aufstieg – für die Position ein klares Signal, dass dieses Amt an Bedeutung verloren hat. Eine Epoche geht zu Ende, in der die Glaubenskongregation die theologische Welt zu disziplinieren vermochte. Diese Zeiten sind vorbei; längst diskutiert man offen in der katholischen Kirche Fragen, über die man unter Johannes Paul II. nicht einmal hatte nachdenken dürfen.

Es war Müllers Vorvorgänger Joseph Ratzinger, der diese Politik exekutierte. Wenn nun der alte Präfekt geht, der noch von Benedikt XVI. ernannt worden war, hat sich auch die theologische Perspektive dieses Pontifikats erschöpft. Sie konnte mit dem Tempo der gesellschaftlichen Entwicklungen nicht mithalten. Benedikts Blick führte von der Deutungsmacht der eigenen Tradition auf die Welt. Franziskus entdeckt die Bedeutung des Evangeliums mitten in den globalenHerausforderungen, die unsere Zeit bestimmen.

Indem der Papst Kardinal Müller ziehen lässt, macht er unmissverständlich klar, wohin er will. Er vollzieht einen entschiedenen Stil-, Politik- und Theologiewechsel. Und das ist alles andere als bloße Taktik. Franziskus durchbricht klerikale Selbstverständlichkeiten. Die Aufregung im Vatikan und darüber hinaus belegt, wie ein Amt als Karriere missverstanden wird. Damit räumt der Papst auf. Sein kirchlicher Politikwechsel zeigt sich in der Entschlossenheit, mit der er seine Reformperspektive durchsetzt.

Paradoxien der kirchlichen Öffnung

Das hat etwas Ambivalentes, weil Franziskus seine Vorstellungen in der Kurie nur voranbringen kann, wenn er die Macht ausspielt, die ihm die Kardinäle in die Hände gelegt haben. Aber es markiert auch kirchlich Wegweisendes, wenn der Papst nicht auf die selbstverständliche Autorität seines Amtes setzen kann: Der erforderliche Gebrauch seiner Macht relativiert es. Die Paradoxie einer Politik der kirchlichen Öffnung mit den Mitteln der geschlossenen Kirchengesellschaft führt das Papstamt an seine Grenzen. Das bestätigen die schismatischen Kritiker von rechts, die faktisch nur den Papst anerkennen, der ihnen passt.

Vor allem der franziskanische Theologiewechsel ist ihnen ein Dorn im Auge: Kirche und Welt stehen in Wechselwirkung, die realen Nöte der Menschen fordern die Lehre heraus. Das Evangelium erweist seine Bedeutung in der Konfrontation mit Lebensproblemen. Theologisch heißt das: Der Papst führt die theologische Grammatik durch, die auf dem 2. Vatikanischen Konzil die Innen- und Außenperspektive der Kirche aufeinander verpflichtete. Indem Franziskus nun einen Mann aus der zweiten Reihe an die Spitze der Glaubenskongregation setzt, trifft er eine konsequente Wahl. Sie ist nicht länger kirchlich erstklassig, geschweige denn vorrangig. Die Bedeutung der vermeintlich reinen Lehre ist reduziert, weil sie steril erscheint.

Hier ist ein System an seine Grenzen gekommen. Der Mann, der vom Ende der Welt kam und auf Grenzüberschreitungen setzt, macht das deutlich. Die katholische Kirche steht vor einer durchgreifenden Reform, die angesichts des wieder hochkochenden Missbrauchsskandals lebensnotwendig erscheint. Immerhin: Im Jahr des Reformationsgedenkens erweist sich dieser Papst als radikaler Reformer.

Angesichts dessen handelt es sich um eine nachgeordnete Frage, wohin der scheidende Präfekt der Glaubenskongregation transferiert wird. Mit ihm erschien für die katholische Kirche nur der Klassenerhalt möglich, aber kein Schritt nach vorn. Dafür stand Kardinal Müller schon zu lange im Abseits.