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Vor fünf Jahren brachte die amerikanische Journalistin Hanna Rosin ein Buch heraus, über das damals viel diskutiert wurde. Es hieß Das Ende der Männer, wurde mit dem Slogan "Das 21. Jahrhundert wird weiblich" beworben und traf offenbar exakt den Nerv der Zeit.

Es handelte nämlich davon, dass Frauen überall auf der Welt in einem atemberaubenden Tempo neue Berufe erlernten, in neue Rollen drängten und bisher für sie nicht vorgesehene Aufgaben übernahmen, während die Männer oft tatenlos, verwundert und verunsichert zuschauten. Ein Buch darüber also, "dass Frauen die Männer zum ersten Mal in der Geschichte in vieler Hinsicht übertroffen hatten", wie Rosin schrieb.

Marine Le Pen ist eine dieser Frauen, auch wenn sie bei Rosin keine Erwähnung fand. Im Jahr 2011, also ein Jahr, bevor das Buch erschien, hatte sie ihren Vater Jean-Marie Le Pen vom Thron des damals noch als rechtsextrem geltenden Front National gestürzt und sich selbst an die Spitze der Partei gesetzt. Als erste Frau natürlich. Der Alte passte einfach nicht mehr in die Zeit. Er vertrat radikale Ansichten und war in den vorangegangenen Jahren immer mehr mit antisemitischen Äußerungen und Holocaustleugnungen aufgefallen.

Die damals 42-jährige Marine Le Pen wollte die Partei verjüngen und erneuern. Dass sie jüngst gegen Emmanuel Macron in der Stichwahl um das Amt des Präsidenten mehr als ein Drittel der Stimmen geholt hat, stellt das vorläufige Ende dieses langen Weges in die Mitte der Gesellschaft dar.

Auch Frauke Petry ist eine dieser Frauen. Nachdem sie im Sommer 2015 gemeinsam mit Jörg Meuthen zur Sprecherin der AfD gewählt wurde, ging es für die Partei lange bergauf. Auch wenn er nun die direkte Konfrontation mit Petry sucht – Meuthen ist bis heute eher blass geblieben, kaum jemand würde ihn auf der Straße erkennen. Petry aber ist trotz ihres Verzichts auf die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl noch immer das bekannteste Gesicht der deutschen Rechtspopulisten. Und niemand sieht darin mehr etwas Besonderes.

Auch die neue AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ist eine dieser Frauen, von denen Hanna Rosins Buch handelt. Genauso wie die beiden Pegida-Frontfrauen Kathrin Oertel und Tatjana Festerling. Die in Polen regierende Ministerpräsidentin Beata Szydło. Die Chefin der norwegischen Fortschrittspartei, Siv Jensen. Nicht zu vergessen Pia Kjærsgaard, die langjährige Führungsfrau der Dansk Folkeparti.

Frauen verändern die Rechtspolitik

Welchen Anteil haben Frauen am Rechtsruck der vergangenen Jahre? Sind sie sogar die besseren Rechtspopulisten, weil sie den radikalen Kern rechter Politik besser verschleiern können als Männer? Und was hat das alles mit dem Feminismus zu tun? Sind Le Pen, Petry und Weidel am Ende gar – ganz gegen den Willen ihrer Parteien – Feministinnen?

Sicher ist: Mit dem Aufstieg der Frauen in den rechtspopulistischen Parteien hat sich die Politik verändert, für die sie stehen. Aus dem einstmals nur von Männern repräsentierten, eher randständigen Rechtsextremismus früherer Jahre ist der anschlussfähigere, weil auch weiblichere Rechtspopulismus der Gegenwart geworden, der nun bei viel mehr Wählern Akzeptanz findet.

Rechtspopulismus sei ein Kosename für Rechtsextremismus, hat der linke Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge einmal geschrieben. Am liebsten inszeniert sich der streng nationale Rechtspopulismus als eine quasi mütterlich sorgende, gewaltfreie Deglobalisierungsbewegung. Dafür müssen alle allzu offensichtlichen historischen Linien zum Nationalsozialismus oder zum kollaborierenden Vichy-Regime gekappt werden, das sogenannte christlich-jüdische Abendland und die Demokratie verteidigt und Europa als Hort des Guten wie eine Festung gegen alles Fremde verteidigt werden.

Äußerlich unterscheidet man sich in nichts mehr von den demokratischen Parteien. Hatten schon die Rechtsextremisten begonnen, ihr martialisches Image abzulegen und bürgerlicher zu erscheinen, so geben sich der FN und die AfD heute ein gänzlich ziviles Erscheinungsbild. Man entstammt der Mitte der Gesellschaft, man spricht mit der Mitte der Gesellschaft, man will die Mitte der Gesellschaft sein. Die "neue große Volkspartei", wie Frauke Petry sagt. Die Männer tragen Anzüge, die Frauen Kostüme.

Frauen propagieren nach außen hin Gewaltlosigkeit

Frauen eignen sich hervorragend als Postergirls dieses Imagewandels, sie spielen ihre Rollen überzeugender – auch weil es von Frauen ohnehin erwartet wird, zwischen Alltag, Familie und Beruf stets mehrere Rollen einzunehmen. Marine Le Pen kann sehr schnell von einer äußerst aggressiven Angreiferin auf eine um Land und Leute sorgende Frau umknipsen. Sie kann rau und weich zugleich wirken.

Frauke Petry ist in ihrem öffentlichen Auftreten längst nicht so souverän, trotz ihrer Eloquenz wirkt sie oft ein bisschen unsicher, als sei sie trotz ihrer fünf Kinder selbst noch ein Mädchen. Gleichzeitig schlägt sie immer wieder eine rassistische und aggressive Diktion an. Einmal hat sie den Schießbefehl gegen Flüchtlinge gefordert. Später musste sie sich von dieser Forderung distanzieren.

Beide Frauen sind sich in Sympathie zugetan, wie man weiß. Doch während Marine Le Pen die Geschlechterstereotype bewusst einsetzt und mit ihnen spielt, bringt Petry sie eher unbewusst durcheinander.

Das schadet ihr aber nicht. An Verwirrung in Bezug auf die Geschlechter ist den Rechtspopulisten sehr gelegen. Das hat mit ihrem ambivalenten Verhältnis zur Gewalt zu tun. Je gewaltloser sie trotz ihrer aggressiven Politik erscheinen, desto erfolgreicher agieren sie. Frauen helfen ihnen dabei, denn es gehört nun einmal zu den ältesten Geschlechterklischees, dass Frauen gegenüber Gewalt abgeneigter sind als Männer. Ob das wirklich so ist, kann niemand sagen. Stereotype entfalten ihre Macht, weil viele an sie glauben, an ihnen unbewusst festhalten, sie reproduzieren. Jedenfalls lehnen viele Frauen, das haben Studien immer wieder gezeigt, Parteien, Gruppen und Organisationen, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen oder mit Gewalt assoziiert werden, zu großen Teilen ab. Sie selbst wollen nicht mit Gewalt assoziiert werden; sicherlich auch aus Angst, die Gewalt könnte sich eines Tages gegen sie selbst richten.

Bis zu dem Tag, als Marine Le Pen ihren Vater stürzte, hatten Frauen im rechtsextremen Lager deshalb eine sehr klare Rolle, die sie wahrscheinlich halb aus Zwang, halb freiwillig eingenommen haben dürften: Als Freundin, Ehefrau oder Kameradin unterstützten sie die Männer stillschweigend, blieben dabei aber fast immer in der zweiten Reihe oder im Schatten des Privaten. Ganz traditionell delegierten sie ihre politischen Ziele und auch Aggressionen an Männer. Die Pegida-Frau Kathrin Oertel war hierzulande eine der ersten, die mit dieser Übereinkunft gebrochen hat. Prompt saß sie in allen Talkshows. Auch Pegida hatte stets mit den sogenannten Abendspaziergängen auf den friedlichen Protest der Wendezeit verwiesen und somit Gewaltlosigkeit propagiert.

Rassismus ist keine Frage der Gesellschaftsschicht

Der Rechtspopulismus brauchte dringend weibliche Protagonisten. Frauen konnten gerade im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise glaubhafter Ängste schüren als Männer. Frauke Petry beschrieb das Deutschland früherer Tage einmal als ein Land "ohne islamischen Terror und explodierende Gewalt", als ein Land, "in dem es undenkbar war, dass Frauen und Mädchen massenhaft sexuell belästigt und vergewaltigt wurden". Auch Alice Weidel spricht gern von der "Bäckerin, die in aller Herrgottsfrühe aufsteht und keine Lust mehr darauf hat, dass sie sich als Frau nachts vor Übergriffen ängstigen muss" und von der "Kassiererin im Supermarkt", die "keine Lust mehr darauf hat, dass sie sich mit illegal eingereisten Scheinflüchtlingen rumschlagen muss, bei denen die anzügliche Bemerkung noch das harmloseste ist, der Ladendiebstahl und die Körperverletzung das Schlimmste ist, was sie befürchten muss".

Der rechtspopulistische Rassismus basiert auf Geschlechtsstereotypen, auch damit passt er gut in unsere Zeit. Männern gegenüber erlaubt er sich einen rigorosen Sexismus. Der männliche Migrant wird als Prototyp des Vergewaltigers dargestellt, Migrantinnen streng nach Thilo Sarrazin als Gebärmaschinen.

Auch das zeigen Studien: Frauen stehen Männern in rassistischen, diskriminierenden und letztlich menschenfeindlichen Ansichten in nichts nach, wenngleich sie zu diesen Ansichten aus unterschiedlichen, beinahe konträren Richtungen finden, wie die Psychologin Birgit Rommelspacher, die viel zu Frauen im Rechtsextremismus geforscht hat, aufgezeigt hat. Das Bedürfnis, andere Menschen als Gruppe auszugrenzen und qua Nationalität abzuwerten, kann sowohl durch soziale Zurücksetzung als auch durch Privilegierung entstehen. Kurz gesagt: Rassismus kann aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen.

Genauso wie die rechtspopulistische Wählerschaft oder das Personal der Parteien. Die Adlige Beatrix von Storch und die Ostdeutsche Frauke Petry verbindet von ihrem Milieu her eigentlich nicht viel. Viel entscheidender ist, ob ein Mensch gegenüber anderen Menschen, Gruppen oder Ethnien zu einem sogenannten Dominanzverhalten neigt und sich als Einheimischer im Vorteil oder in Überlegenheit sieht, die er sichern zu müssen glaubt. "Männer tun dies stärker über Gewalt und Konkurrenzverhalten – Frauen hingegen mehr über autoritäre Anpassungsforderungen", schrieb die Psychologin Rommelspacher in einem Aufsatz.

Die Parteien bleiben größtenteils männlich

Das Parteiprogramm der AfD ist voll solcher Anpassungsforderungen: die "traditionelle Familie als Leitbild", gegen die "Diskriminierung von Vollzeit-Müttern", "keine Einwanderung in die Sozialsysteme", "deutsche Leitkultur statt Multikulturalismus", "die deutsche Sprache als Zentrum unserer Identität", "Integration ist mehr als nur Deutschlernen" und Ähnliches. Folgt man Rommelspachers Erklärungsmodell, kommt man zu dem Schluss, dass das Parteiprogramm der AfD ein sehr weibliches ist.

Der Front National wurde in diesem Jahr von Männern und Frauen gleichermaßen gewählt. Und auch wenn die AfD-Wählerschaft noch immer zu großen Teilen männlich ist, so liegt der Frauenanteil bei den Mitgliedern immerhin bei rund 22 Prozent. Die CSU hat weniger weibliche Mitglieder und bei den Christdemokraten liegt die Quote auch nur bei 26 Prozent. Bei den Grünen, einer von zwei Parteien mit Quotenregelung für Spitzenämter, ist es mit 39 Prozent der höchste Wert. Man muss also sagen, dass Frauen gegenüber Parteimitgliedschaften insgesamt eher skeptisch und viel zurückhaltender sind.

Es ist anzunehmen, dass Le Pen und Petry mit dieser Skepsis jeden Tag konfrontiert sind. Ihre Parteien treten für eine traditionelle Rollenverteilung ein und lehnen den Feminismus als eine Form des "Genderwahnsinns" ab. So sind Frauen wie sie gefordert, in einem ständigen Selbstwiderspruch zu agieren. Ihnen muss der Spagat gelingen, sich machtbewusst an der Spitze einer Partei zu behaupten und auch, wenn nötig, gegen männliche Konkurrenten und Widersacher durchzusetzen. Ein auch nur im Ansatz weibliches Anliegen oder eine emanzipatorischen Anspruch aber dürfen sie dagegen weder formulieren noch sich selbst mit einem verbinden. Sie dürfen in einer Partei, die über Fremde, Andersdenkende und Flüchtlinge gerne pauschal und kollektiv urteilt, nur für sich allein stehen. Sonst würden sie sofort an die Grenzen ihrer eigenen Weltanschauung stoßen.

Je erfolgreicher sie sich aber in diesem Selbstwiderspruch, der einer Selbstverleugnung gleichkommt, behaupten können, desto erfolgreicher werden sie und ihre Parteien auf Dauer sein.

Das Missverständnis der westlichen Werte

Am besten lässt sich dieser Widerspruch im Moment an Alice Weidel beobachten, weil er bei ihr am offensichtlichsten zutage tritt. Die neue AfD-Spitzenkandidatin lebt mit ihrer Freundin und zwei Kindern in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. In ihren Reden vor Mitgliedern der Partei versucht sie gern, ihren islam- und fremdenfeindlichen Kurs als einen Kampf für die bunte Vielfalt des Westens darzustellen. Die Mitglieder goutieren das gar nicht, im Gegenteil.

Als sie Ende Mai, kurz nach ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin, im hessischen Hofheim auftritt, lässt sich Folgendes beobachten. Weidel ist gerade mitten im anti-islamischen Teil ihrer Rede angekommen, dieser Teil gehört zu jeder AfD-Rede wie das Amen in der Kirche.

Sie sagt: "Und so zu tun, als ob der Islam unsere freiheitlichen Werte teilt, ist ebenfalls Augenwischerei."

Der Saal applaudiert.

Sie fährt fort: "Letztes Jahr ergab eine Umfrage, dass 52 Prozent aller britischen Muslime die Kriminalisierung von Homosexuellen befürwortet."

Niemand der Zuhörer reagiert.

Weidel redet weiter: "Ich stehe dazu, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört."

Dafür bekommt sie wieder viel Applaus. Als sie dann aber ruft: "Dass sagen wir als AfD für die Frauen, für die Andersgläubigen, für die Homosexuellen, die gerne weiterhin in einem freien und friedlichen Deutschland leben wollen", applaudiert wieder niemand, herrscht im Saal stattdessen eisiges Schweigen. Für diese Werte des Westens nämlich kämpfen Rechtspopulisten nicht. Nicht für die Sache der Frauen, nicht für die der Homosexuellen. Alice Weidel sitzt da einem großen Missverständnis auf.

Der moderne Rechtspopulismus hat ein weibliches Gesicht und er hat auch eine weibliche Seele. Er ist ein Produkt des Feminismus, der Feminisierung unserer Gegenwart, ohne gleichzeitig feministisch zu sein. Es gibt offenbar viele Männer und auch viele Frauen, denen an so einer reaktionären Bewegung mit modernem Antlitz gelegen ist. Sie gewährt den Frauen Mitsprache, sogar Führung, und organisiert dennoch den geordneten Rückzug in alte und überkommene Auffassungen davon, wofür Männer und Frauen da sind. Nämlich nur für sich selbst und für jene, denen sie zugestehen, zu ihnen zu gehören.