Die Schlange der rechtsextremen Konzertbesucher hat sich gerade einmal eine Viertelstunde durch die Einlasskontrolle bewegt, als Polizisten die ersten zwei Männer zur Seite nehmen. Mitkommen, Identität feststellen. Am Ende erwarten einen stämmigen Glatzkopf mit Gesichtstätowierungen und einen schmalen Glatzkopf mit Runen auf dem Rücken Strafanzeigen wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Bis zum späten Abend wird die Polizei hier insgesamt 21 Anzeigen wegen verschiedener Vergehen registrieren, darunter mehrere Hitlergrüße.

Themar, eine Kleinstadt mit hübsch restaurierten Fachwerkhäusern im Süden Thüringens, ist bereits zum zweiten Mal in diesem Monat Austragungsort eines Neonazi-Konzerts. Das liegt auch daran, dass der Veranstalter des ersten Konzerts, Tommy Frenck, wenige Kilometer entfernt den Gasthof Goldener Löwe betreibt, einen rechtsextremen Szenetreff. Der jetzige Anmelder des Konzerts ist der NPD-Funktionär Patrick Schröder. Beide Konzerte durften auf einer privaten Wiese vor dem Ortseingang gastieren, die Bodo Dressel zur Verfügung stellte, der Bürgermeister der Nachbargemeinde und ehemaliger AfD-Politiker. Man kennt sich.

Das Versammlungsrecht schützt sie – zu Recht?

Vor zwei Wochen kamen 6.000 Rechtsextreme zum "Rock gegen Überfremdung" in die 3.000-Einwohner-Stadt, es war eines der größten Rechtsrock-Festivals in Deutschland in den vergangenen Jahren. Dieses Mal reisten etwa 1.000 Neonazis zum "Rock für Identität" an. Angemeldet waren beide Konzerte als politische Kundgebungen, damit genossen sie den hohen Schutz des Versammlungsrechts. Die Veranstalter verlangten für den Eintritt zur Kundgebung allerdings etwa 30 Euro – damit werden die Musikfestivals eigentlich zu kommerziellen Veranstaltungen.

Austragen müssen die Stadt Themar und das Land Thüringen damit auch eine Debatte von bundesweiter Relevanz: Wo liegen die Grenzen der Versammlungsfreiheit? Ist eine politische Kundgebung, für die Eintritt verlangt wird, überhaupt eine Demonstration? Und wie will Deutschland mit Neonazi-Konzerten umgehen, deren Zahl laut Verfassungsschutz stetig steigt?

Mit dem Image einer Rechtsrocker-Hochburg will sich Themar nicht abfinden. "Den braunen Stempel aufgedrückt zu bekommen, ist schlimm", sagt Dani T. Sie hat mit einem Bündnis aus Thüringer Initiativen gegen Rechts auf dem Themarer Marktplatz ein Stadtfest organisiert. Dass neben Jugendlichen aus einem linken Sommercamp in der Nähe jetzt auch gebückte Seniorinnen mit Rollatoren, Durchreisende in Radlerhosen und Familien auf dem Marktplatz Bratwurst essen, ist für das antifaschistische Bündnis ein Erfolg.

"Lasst sie doch ihre Musik hören"

"Am Anfang durften wir uns anhören, dass wir den Schwarzen Block nach Themar holen würden", sagt die 32-Jährige. Viele Themarer hätten die Rechtsrocker lange heruntergespielt: Lasst sie doch ihre Musik hören, immerhin räumen die ihren Müll weg. Das 6.000-Mann-Konzert vor zwei Wochen habe das geändert. "Die Leute zeigen jetzt mehr Interesse", sagt die junge Frau, während sie Salate und Kuchenbleche entgegennimmt.

Daran hat auch der parteilose Bürgermeister Hubert Böse seinen Anteil. Von einer "Katastrophe für Themar" sprach er nach dem letzten Konzert. Anfang des Monats organisierte er eine Einwohnerversammlung in der Turnhalle; wenige Tage vor dem jetzigen, kleineren Neonazikonzert gab es einen Bürgerdialog im Schützenhaus. Zwei Mal innerhalb von zwei Wochen kam Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) nach Themar. "Es hat sich bestätigt, dass die Stadt enger zusammengerückt ist", sagt Böse am Nachmittag auf dem Marktplatz stolz. Etwa 400 bis 500 Leute schlossen sich dem Gegenprotest zeitweise an, in Rufweite der Neonazis skandierten sie: Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda. "Das Problem ist, dass da grundgesetzlich etwas geschützt wird, was nicht schützenswert ist", beschreibt es der Bürgermeister.