ZEIT ONLINE: Herr Grünewald, teilen Sie den Eindruck, dass es den Deutschen ziemlich gut geht und dass sie kein Interesse haben, irgendetwas daran zu ändern – zum Beispiel, indem sie mal einen anderen Bundeskanzler wählen?

Stephan Grünewald: Unsere Studie aus dem Frühjahr bestätigt das. Die Kollegen, die die Tiefeninterviews durchgeführt haben, sagen, sie hätten die schönsten und lockersten Gespräche seit langer Zeit geführt. Die Menschen erzählen von ihren privaten Projekten, schwärmen von der Sommerreise und davon, wie sie ihren Wintergarten neu gestalten wollen. Sie haben ihre Welt aufgespalten in ein privates Auenland, in dem sie sich wohl und geborgen fühlen, und in ein äußeres Grauenland: eine komplexe und furchterregende Welt mit Terror, Brexit, Globalisierung, Erdoğan und Trump, die immer wieder ausgeblendet wird.

ZEIT ONLINE: Aber müssen Politiker nicht trotzdem Wahlkampf mit harten Themen machen? Die Menschen interessieren sich doch für Trumps Abschottung, für bessere Bildung, mehr Gerechtigkeit und den Zusammenhalt in Europa?

Grünewald: Die Deutschen realisieren, dass das Grauenland jederzeit ins Auenland einbrechen kann, so wie der Laster in den Berliner Weihnachtsmarkt. Sie achten auf herumstehende Koffer, schauen häufiger Nachrichten und streiten mit Freunden und Verwandten über Politik. Das war lange nicht so. Manche sagen sogar, sie wollen sich engagieren, zum Beispiel in einer Partei. Wir befinden uns in einer Zeit des Erwachens. Aber das Ziel der Mehrheit der Deutschen bleibt trotz der gestiegenen Wachsamkeit, ihr Auenland so lange wie möglich heil zu erhalten – und dafür steht Angela Merkel. Sie verspricht, dass es uns weiterhin gut geht. Aufbruch, Visionen oder Revisionen werden nicht mit der Kanzlerin verbunden.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Martin Schulz hat keine Chance mit dem Slogan Deutschland kann mehr? Selbst wenn er jetzt ein Problem nach dem anderen abhandelt?

Grünewald: Ja, wahrscheinlich. Martin Schulz will das Auenland zwar auch erhalten, aber er will kleinere Reparaturen vornehmen. Er lenkt den Blick auf die Probleme, die viele Menschen derzeit lieber ausblenden: auf die fehlende Gerechtigkeit etwa, aber auch nach Italien zu den Flüchtlingen. Damit destabilisiert er in den Augen vieler Wähler das Auenland.

Und er schaut in die Zukunft, das ist zwar moralisch richtig. Aber im Moment erscheint es vielen Menschen so, als könnte die Zukunft sowieso nur schlimmer werden. Sie trauen der SPD auch nicht zu, die Probleme wirklich zu lösen. Merkel hingegen verheißt wie schon bei der letzten Wahl eine permanente Gegenwart. Ihr größter Vorteil ist gerade, dass sie als die Dompteurin der Raubtiere gesehen wird, als die einzige, die Trump, Erdoğan und Putin in Schach halten kann. Mit ihr können wir uns im Hier und Jetzt verbunkern. Die SPD steht hingegen traditionell auch für internationale Solidarität – und die könnte unseren Wohlstand mindern.

ZEIT ONLINE: Als Martin Schulz Kanzlerkandidat wurde, sah es noch so aus als wollten die Deutschen von ihm bewegt und begeistert werden. Warum konnte der Vati der Mutti keine Konkurrenz machen?