Grünewald: Die anfängliche Euphorie lässt sich damit erklären, dass es lange kaum verlässliche männliche Politiker gab. Guttenberg als jugendlicher Hoffnungsträger wurde als Fälscher enttarnt. Ein Bundespräsident warf das Handtuch, der nächste musste zurücktreten. Sogar der Heilige Vater ist zurückgetreten. Merkel hat in ihrer Mutterrolle davon profitiert, dass auf die Väter scheinbar kein Verlass mehr ist. Dann kam Schulz, eine sympathische Vaterfigur, der gleichzeitig zugewandt, auf Augenhöhe und verlässlich erschien. Ein Streiter für die Einheit Europas. Aber die Heilserwartungen waren zu groß, er wurde schon fast wie ein Messias verehrt. Bei der Saarlandwahl haben wir gesehen, dass er nicht übers Wasser gehen kann und beim NRW-Wahlkampf blieb er sogar tatenlos. Ein zaudernder Vater Schulz ist aber keine Alternative zur Dompteurin Merkel.

ZEIT ONLINE: Welcher Auftritt, welche Rhetorik könnte die Deutschen aufwecken? Braucht die SPD doch eher einen Charismatiker wie den Altkanzler Gerhard Schröder?

Grünewald: Wenn wieder spürbar mehr Flüchtlinge kommen oder ein neuer Terroranschlag geschieht, kann das Bewegung in den Wahlkampf bringen. Schröder konnte 2002 eine verloren geglaubte Wahl noch gewinnen, weil die Flutkatastrophe kam. Er zog die Gummistiefel an und avancierte zu einem modernen Noah, der die Deutschen vor den Fluten rettete. Stoiber blieb dagegen trocken und tatenlos.

Aber in der jetzigen Situation kann ich Schulz nur raten, Ehrlichkeit und Tatkraft zu zeigen, und dass er mit den Menschen auf Augenhöhe umgeht. In der Rolle des verlässlichen und zupackenden Vaters könnte er wenigstens seine Niederlage abmildern. Zurzeit wirkt er jedoch eher bürokratisch als väterlich.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Grünen? Auch sie schätzen die Deutschen nicht mehr besonders.

Grünewald: Die Grünen haben durch ihre oft hochgestochene, politisch korrekte, moralische Attitüde gezeigt: Wir wertschätzen Euch und Eure gemeinen Lebensvollzüge nicht. Wer raucht, Alkohol trinkt, zu fett oder zu süß isst, wer Dieselfahrzeuge fährt oder Unterschicht-TV guckt, ist nur zweitklassig. Die Unbeschwertheit und die Lebensfreude ist von den Grünen mehr und mehr tabuisiert worden. Aus dieser Rolle des Spaßverderbers kommen sie nicht raus. Vor allem, weil viele Menschen sich gerade ohnehin nicht anerkannt fühlen, so wie sie sind. Dabei kamen sie damals mit Sonnenblumen und Turnschuhen und haben die Politik mit ihrer Menschlichkeit und Offenheit bereichert. Sie sollten weiter beherzt für die Natur kämpfen – das Thema bleibt mit dem Klimawandel relevant – aber im Einklang mit der menschlichen Natur. In Baden-Württemberg gelingt das dem bodenständigen Winfried Kretschmann. Mit ihm zeigen die Grünen: Wir können auch leben und genießen.

ZEIT ONLINE: Und die AfD? Selbst sie scheint nicht viel Aufregung in den Wahlkampf zu bringen.

Grünewald: Auch die AfD will das Auenland erhalten, aber es ist ihr zu verweichlicht, sie will es härter machen und es stärker abschotten. Statt einer Zukunft verheißt sie eine Rolle rückwärts in eine vermeintlich bessere Vergangenheit. Das ist nur für wenige attraktiv. Die AFD war dann stark, als Mutter Merkel die Flüchtlinge ins Land geholt hat. Der Argwohn, dass sie die fremden Kinder lieber hätte als die eigenen ist allerdings wieder verflogen.

ZEIT ONLINE: Sie haben einmal gesagt, die Deutschen seien keine Zweckoptimisten, die sich ins Abenteuer stürzen, wie etwa die US-Amerikaner, sondern Zweckpessimisten: Sie wollen das Leben lieber sicher machen als abenteuerlich. Passt das noch?

Grünewald: Zweckpessimisten handeln nicht blindlings, sondern sie fokussieren sich auf das, was nicht gut läuft, auf die Risiken und Probleme. Dieser schöpferische Zweifel kann der Motor dafür sein, das Land durch neue Problemlösungen und Erfindungen besser zu machen. Der Zweckpessimist verwandelt so das Grauenland in ein Trauenland. Im Moment sind wir eher fatalistisch. Wir wollen uns noch ein paar schöne Jahre machen und die Probleme abspalten. Wir sollten lieber zum Zweckpessimismus zurückfinden, die Themen fokussieren und handeln.