Bevor David S. am 22. Juli 2016 in einem Münchner Einkaufszentrum Amok lief, speicherte er auf seinem Computer einen kurzen Text. Der Titel: "Ich werde jetzt jeden Deutschen Türken auslöschen egal wer". Auch andere Schriften bezeugen, wie weit der Hass des 18-Jährigen gegen Türken ging: Für ihn waren sie "Untermenschen" und "Kakerlaken", die "exekutiert" gehörten.

Dann packte David S., dessen Eltern aus dem Iran stammen, eine Pistole vom Typ Glock 17 und mehrere Hundert Schuss Munition in seinen Rucksack und fuhr mit dem Fahrrad zum Einkaufszentrum. In und vor einer McDonald's-Filiale erschoss er neun Menschen. In der Stadt brach Panik aus, viele, anfangs auch die Polizei, fürchteten einen Terroranschlag. Doch dann fand man David S.' Leiche. Er hatte sich erschossen, weswegen seine genauen Motive für das Attentat für immer im Unklaren bleiben werden. Auch von psychischen Problemen war die Rede.

Gegen seinen Waffenhändler allerdings, den 32-jährigen Philipp K. wird am Montag der Prozess vor dem Landgericht München eröffnet. Im Sommer 2016 dauerte es nur gut einen Monat, bis die Ermittler auf seine Spur gekommen waren.

Per Fernbus zum Waffenhändler

Im Kinderzimmer von David S. hatten die Ermittler nach der Tat Unterlagen sichergestellt. S. hatte viele Dateien von seinem Computer gelöscht, die meisten Spuren verwischt. Doch auf seinen Kontoauszügen sahen die Beamten, dass der Täter im Mai 2016 gut 4.000 Euro abgehoben hatte. Sie waren sich sicher, dass es sich um den Kaufpreis für die Waffe handelt. Über einen Zahlungsdienst bezahlte David S. außerdem eine Fahrt per Fernbus ins hessische Marburg. Die Mitarbeiter der Sonderkommission fragten dort nach – und erfuhren, dass bereits das Frankfurter Zollfahndungsamt ermittelte, weil sich Käufer von Waffen in Marburg mit ihrem Verkäufer getroffen hatten.

Philipp K., der mutmaßliche Waffendealer, hatte schon in der Amoknacht verstanden, was geschehen war. Im Internet sah er das Video des Täters, der aus dem McDonald’s kam und das Feuer auf der Straße eröffnete. Der Schütze hatte einen markanten Gang mit O-Beinen, er schwankte – wie der junge Mann, dem er im Mai eine Pistole samt Munition verkauft hatte. Und den er erst weniger als eine Woche zuvor erneut getroffen und ihm 350 Patronen zusätzlich übergeben hatte.

Ob er in diesem Moment Reue empfand, ist unbekannt. K. hat ab Montag die Gelegenheit, sich öffentlich dazu zu äußern. Vor dem Münchner Landgericht ist er wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Eine Rolle wird auch sein Motiv spielen: Warum fühlte er sich berufen, Waffen unters Volk zu bringen?

K. stammt aus Köln. Er hat einen Hauptschulabschluss, schlug sich meist mit Anstellungen als Zeitarbeiter durch. Zwischenzeitlich lebte er fast ein Jahr lang auf der Straße. Geld war bei ihm ständig knapp. Aber es reichte für seine liebsten Hobbys: Paintball und Softair, Gefechtsspiele mit weitgehend ungefährlicher Munition.

Mit Mitte 20 genügte ihm das Spiel nicht mehr. K. wollte echte Waffen in die Hände bekommen. Er kannte einen Ort, an dem sich damit viel Geld verdienen lässt: das Darknet, einen verschlüsselten Teil des Internets, in dem die Teilnehmer anonym bleiben. Dort lernte er Waffenverkäufer aus Tschechien, der Schweiz und der Slowakei kennen. Nach einiger Zeit stand der erste Kontakt. Über die Jahre kaufte K. 19 Waffen, von denen er zwölf Stück verkaufte oder tauschte. Anders als viele im Darknet wickelte er alle Käufe persönlich ab, gegen Cash. Die meisten Kunden traf er in Marburg, wo seine Freundin wohnt.