Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen will die Rettungseinsätze mit dem Schiff Prudence auf dem Mittelmeer vorerst aussetzen. Die zentrale Seenotrettungsleitstelle in Rom habe Ärzte ohne Grenzen vor Sicherheitsrisiken gewarnt, teilte die Organisation mit. Die Einsätze in internationalen Gewässern mit dem Schiff Aquarius, bei denen Ärzte ohne Grenzen mit der Organisation SOS Mediterranee zusammenarbeitet, sollen jedoch fortgesetzt werden.

Hintergrund sind Pläne der libyschen Marine, ausländische Schiffe ohne eine besondere Erlaubnis nicht mehr die Küste des Landes anfahren zu lassen. Dies gelte für eine "Such- und Rettungszone" für Flüchtlinge rund um die Küste. Wie weit sich diese Zone erstreckt, blieb unklar. Ein Sprecher der libyschen Marine hatte gesagt, die neue Vorschrift gelte ausdrücklich "für Nichtregierungsorganisationen, die vorgeblich illegale Einwanderer retten und humanitäre Aktionen durchführen wollen".

"Wenn sich diese Ankündigungen bestätigen und die Anweisungen in die Tat umgesetzt werden, kann das aus unserer Sicht zwei gravierende Folgen haben – es wird mehr Tote im Mittelmeer geben und mehr Menschen, die in Libyen gefangen sind", sagte Annemarie Loof von Ärzte ohne Grenzen.

Die italienische Marine-Operation sei ein weiteres "besorgniserregendes Element in einem zunehmend feindseligen Umfeld für lebensrettende Einsätze", teilte Ärzte ohne Grenzen mit. Die italienische Regierung hatte Ende Juli beschlossen, Schiffe der Marine an die libysche Küste zu schicken. Die Einheiten sollen die libysche Küstenwache bei ihrem Einsatz gegen den Menschenschmuggel unterstützen. Ärzte ohne Grenzen warf den europäischen Staaten vor, gemeinsam mit libyschen Behörden Migranten davon abzuhalten, einen Weg in die Sicherheit zu finden.

Die Organisation forderte von der libyschen Regierung, dass sie dem international anerkannten Recht zur Seenotrettung auch in libyschen Gewässern zustimmt. Es müsse klar sein, dass sämtliche Schiffe ihre Notrettungseinsätze ohne Hindernisse und unbeschädigt ausüben können und weder libysche noch italienische Autoritäten die rechtlich garantierte Anfahrt sicherer Häfen beeinträchtigen.

Nach einer Studie des Hilfswerks Oxfam gehören für Flüchtlinge in Libyen Folter, Vergewaltigung und Zwangsarbeit zum Alltag. Oxfam forderte von den EU-Staaten, Geflüchteten in Libyen eine sichere Weiterreise nach Europa zu ermöglichen. Libyen ist eines der Haupttransitländern für Geflüchtete aus afrikanischen Staaten auf dem Weg nach Europa. Das Land wird in weiten Teilen von bewaffneten Milizen kontrolliert.