Vor einem Tag noch hatte alles ganz anders ausgesehen. Da hätte Stanislaw B., 24 Jahre alt, mit mehr Zuversicht in seinen Prozess starten können.

Der junge Pole war beim Treffen der G20-Staats- und Regierungschefs in Hamburg Anfang Juli in eine Kontrolle geraten. Die Polizei hatte Feuerwerkskörper und Reizgas bei ihm entdeckt. Er war aber eineinhalb Stunden vor der Demonstration "G20 – not welcome" festgenommen worden, noch war nichts los in der Stadt. Zudem saß er seither in Untersuchungshaft, seit sieben Wochen bereits. Die Chancen standen gut, dass er eine milde Strafe bekommen würde.

Dann aber fällte das Hamburger Amtsgericht im ersten Prozess zu den Krawallen beim Gipfel der führenden Industrie- und Entwicklungsländer ein überraschend hartes Urteil. Und damit sah die Sache auch für Stanislaw B. anders aus, dessen Strafsache am zweiten Tag verhandelt wurde.

Das Hamburger Amtsgericht hatte den ersten Angeklagten, den 21-jährigen Peike S. aus Amsterdam, für zwei Jahre und sieben Monate ins Gefängnis geschickt. Die Vorwürfe gegen ihn waren schwerwiegender als die gegen Stanislaw B.: Peike S. soll nach der Auflösung der berüchtigten Demonstration "Welcome to Hell" am Vorabend des G20-Gipfels an Ausschreitungen gegenüber der Polizei beteiligt gewesen sein. Er soll leere Glasflaschen auf einen Polizisten geworfen haben, eine an den Schienbeinschoner, die andere an den Helm. Dann hatte er sich auch noch seiner Festnahme widersetzt. Juristisch nennt sich das: schwerer Landfriedensbruch, gefährliche Körperverletzung, tätlicher Angriff auf und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Das Gesetz sieht harte Strafen dafür vor.

"In der Vergangenheit häufig überaus milde Urteile"

Tatsächlich aber war nicht viel passiert. Der angegriffene Polizist war nicht verletzt, er ist nicht einmal zum Sanitäter gegangen. Dennoch soll Peike S., der in der Schule als hochbegabt galt, dafür über zweieinhalb Jahre im Gefängnis sitzen. "Es hat in der Vergangenheit häufig überaus milde Urteile für Straftäter gegeben, die Gewalt gegen Polizisten verübten", sagte der Amtsrichter zur Begründung. Das müsse sich ändern. 

Also betrat Stanislaw B. am Folgetag sichtlich angespannt den Verhandlungssaal des Hamburger Amtsgerichtes. Nicht ein Mal wagte er einen Blick in den Zuschauerraum. Dort saßen Bekannte und Verwandte des 24-jährigen Kunststudenten. Seine Mutter und die Schwester waren aus Warschau gekommen, sie saßen in der ersten Reihe hinter der gläsernen Trennscheibe, sie sehen Stanislaw B. auffallend ähnlich. Der Angeklagte nahm einfach Platz, als Justizbeamte ihn aus der Untersuchungshaft in den Gerichtssaal brachten, verdeckt von der Dolmetscherin, und schaute ängstlich zum Richter hoch. Die fragenden Augen verrieten seine Nervosität.